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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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IX. Trevrezent

Die Aventüre begehrt Einlass in des Dichters Herz, um ihm weiter von Parzival zu sagen. Sie übergeht manches, anderes deutet sie nur an, wie das Abenteuer von dem zersprungenen, in dem Brunnen Lach bei Karnant wieder ganz gewordenen Gralsschwerte. Es folgt eine neue Begegnung mit Sigunen, die jetzt im härenen Hemd eine Klause über dem Grabe des Geliebten bewohnt. Sie verzeiht ihm, in Betracht, dass er hart genug gestraft sei, die unterlassene Frage, und rät ihm, Kondrien, welche ihr alle Samstag Nacht Speise brächte, und sie erst vor kurzem verlassen hätte, nachzureiten. Parzival folgt der frischen Spur, hat sie aber wieder verloren, als ein Gralsritter ihm Kampf bietet, weil er es gewagt habe, Monsalväsch so nahe zu reiten. Der Templeise wird besiegt, entkommt aber lebend; sein Ross mit der Turteltaube, dem Wappen des Grals, am Buge bestiegt Parzival statt des ihm erschlagenen. Lange Zeit darnach begegnet ihm ein grauer Ritter, der mit seinem Weib, zweien Töchtern und fürstlichem Gefolge barfuss, obgleich Schnee gefallen war, seine jährliche Buß- und Bittfahrt durch den Wald zu einem Einsiedel unternommen hat, und es herzlich beklagt, dass Parzival im Harnisch die heilige Zeit nicht begehe, indem heute Karfreitag sei; er rät ihm, gleichfalls bei dem Einsiedel zu beichten und Buße zu tun. Die Jungfrauen laden ihn zu Gaste: Er will aber nicht neben ihnen reiten, während sie zu Fuße gehen, den zu verehren, welchen er hasst, beurlaubt sich und reitet weiter. Darauf aber wird er reuig, gedenkt zum ersten Mal seines Schöpfers, und überlasst, dessen hilfreiche Führung zu versuchen, dem Ross die Zügel. Da bringt es ihn gen Fontain-sauvasche, wo Trevrezent als Einsiedel ein strenges Bußleben führt. Hier erfährt er die Märe von dem Gral, welche der Dichter bisher absichtlich verschwiegen hat. Parzival erkennt die Stelle, wo er Orilus durch einen Eid über Jeschutens Treue beruhigt hat. Er steigt vom Pferde, und erzählt dem Klausner von dem Ritter, der ihn hieher gewiesen habe, seine Sünden zu beichten. Trevrezent führt sein Ross an einen Felsenbrunnen, ihn selbst zu einem Feuer in einer Gruft, wo der Held sich wärmt, entwappnet und einen Rock des Einsiedels anlegt. In einer zweiten Höhle findet er auf dem Altar die Heiltumskapsel, der er bei jenem Schwur die Hand aufgelegt hat. Er fragt, wie lange das her sei, und erfährt, dass fünftehalb Jahre seitdem verflossen sind. Er bekennt, in all dieser Zeit kein Gotteshaus besucht zu haben', indem er Hass zu Gott im Herzen trage. Der Klausner belehrt ihn über Gottes hilfreiche Barmherzigkeit und Güte, warnt ihn vor Vermessenheit des Luzifers, Evas und Kains Beispiele, und fragt, welcher Kummer ihn beschwere. Als ihm Parzival seine Sorgen um den Gral und sein Weib klagt, lobt er letztere, und nennt die andere töricht, weil den Gral nur der vom Himmel dazu Benannte gewinnen könne. Nun erzählt er von dessen himmlischen Ursprung, von der Taube mit der Oblate, von der erscheinenden und verschwindenden Schrift usw. Als Parzival ihn mit dem Wunsch unterbricht, durch die Schrift zum Gral benannt zu werden, warnt er ihn vor Hochfahrt an dem Beispiele des Anfortas, und fährt fort zu berichten, wie die Templeisen die Grenzen des Gralreiches schützen; gleichwohl sei Lähelein bis an den See Brumbane vorgedrungen, wo er einen Gralsritter getötet und dessen Ross erbeutet habe. Für Lähelein hält der Einsiedel seinen Gast wegen seines Pferdes, doch bekennt sich dieser für den Sohn Gahmurets und Ithers Sieger. Trevrezent erschrickt als er hört, dass sein Neffe den nahen Blutsfreund (Ither war mit Lamiren, der Tochter Gandeins, vermählt) erschlagen; wie er denn auch scheidend seine Mutter, Trevrezents Schwester, getötet habe. Er erzählt nun von seinen übrigen Geschwistern, Tschoisianen, der Mutter Sigunens, Repansen de Schoie, die den Gral zu tragen gewürdigt wird, und Anfortas, dem König des Grals; dann des letzten Verirrung im Minnedienst, seine Verwundung mit dem vergifteten Speer des Heiden, die vergeblichen Heilungsversuche, und wie zuletzt die Schrift am Gral einen Ritter gemeldet habe, dessen Frage Erlösung brächte, der aber dann keine Frage getan habe. Dann gehen beide Gras und Laub für das Ross, sich selber Wurzeln und Kräuter suchen. Nach dem kargen Mai gesteht Parzival, dass er jener Ritter gewesen sei. Sein Oheim beklagt ihn, hofft aber, ihm werde noch Heil blühen, wenn er sein Herz so erkühnen könne, dass er an Gott nicht mehr verzweifle. Darauf erklärt er ihm alles, was er zu Monsalväsche gesehen hat, die blutige Lanze, die Messer mit den Silberklingen, Anfortas Frieren und Lehnen, sein Fischen auf dem See Brumbane und die dienenden Frauen; schildert ihm dann der Templeisen Leben, wie der Gral aus seiner Schar den herrenlosen Ländern Fürstenheimlich schicke, die Jungfrauen aber, wie Parzivals Mutter, öffentlich vermähle, und wie alle Gralsritter, außer dem Könige, Frauenminne verschwören müssten, eine Vorschrift, die auch er in seiner Jugend unbeachtet gelassen, wie seine Erzählung ergibt. Nach solchen und ähnlichen Gesprächen gehen sie zur Ruhe. Vierzehn Tage bleibt Parzival bei dem Einsiedel; beim Abschied ermahnt ihn dieser, Frauen und Priester zu ehren und spricht ihn frei von Sünden.


   "Tut auf!" Wem? Wer seid ihr? (433, 1)
"Ich will ins Herz hinein zu dir."
So begehrt ihr engen Raum.
"Was tut es, fasst er mich auch kaum:
Über Druck wirst du nicht klagen, (433, 5)
Ich will dir nun viel Wunder sagen."
Seid ihrs, Frau Abenteuer?
Was macht der Degen teuer?
Ich meine den werten Parzival,
Den Kondrie nach dem Gral (433, 10)
Mit unsüßen Worten jagte;
Manch schönes Weib beklagte,
Dass unerlässlich wär sein Reisen.
Von Artus dem Bretaneisen
Schied er da: Wo ist er nun? (433, 15)
Die Märe eilt uns kund zu tun:
Ob er an Freuden ganz verzagte,
Oder hohen Pries erjagte.
Blieb heut ihm seine Würdigkeit
Noch ganz wie sonst, so lang und breit, (433, 20)
Oder ward sie kurz und schmal?
Sagt uns alles auch zumal
Was noch von seiner Hand geschah;
Ob er Monsalväsch nun sah
Und Anfortas den klagenswerten, (433, 25)
Dem Seufzer das Herz beschwerten?
Gebt Trost uns aus Barmherzigkeit,
Ob er des Jammers ward befreit.
Lasst hören, gebt uns Kunde,
Ist da Parzival zur Stunde,
Der uns beiden zu gebieten hat? (434, 1)
Nun erhellt mir seinen Pfad:
Gahmurets Sohn, was beginnt
Der süßen Herzeleide Kind,
Seit er von Artus Abschied nahm? (434, 5)
Hat er Freude, hat er Gram
Seitdem erkämpft im Streite?
Stürmt er noch in die Weite,
Oder liebt er sich zu ruhn?
Sagt mir sein Üben und sein Tun. (434, 10)

   Aventüre macht uns nun bekannt,
Erkundet hab er manches Land
Zu Ross, in Schiffen auch zu Meer;
Landsmann, Blutsfreund, oder wer
Sich ihm tjostierend stellte, (434, 15)
Dass er den siegreich fällte.
So kann sich seine Schale neigen,
So weiß sein Preis empor zu steigen
Und der andern Preis zu dämpfen.
Er hat in harten Kämpfen (434, 20)
Der Niederlage sich erwehrt,
Sich so versucht mit Lanz und Schwert,
Wer Preis von ihm zu borgen
Gedachte, tats mit Sorgen.
Das ihm Anfortas verehrt (434, 25)
Bei dem Grale, jenes Schwert,
Da ers im Streite schwang, zerbrach:
Bei Karnant der Brunnen Lach
Macht' es dann ihm wieder ganz;
Stets mehrt' er seinen Ruhmes Glanz.

   Wer es nicht glaubt, der sündigt. (435, 1)
Die Aventür verkündigt,
Dass Parzival der kühne Held
Geritten kam in ein Gewäld,
Zu welcher Stunde, weiß ich nicht: (435, 5)
Da stand vor seinem Angesicht
Eine neu erbaute Klause:
Eine Quelle lief hindurch mit Brause:
Sie war darüber ausgehöhlt.
Der junge Degen mutbeseelt (435, 10)
Suchte Abenteuer dort:
Da kam er zu der Gnade Port.
Er fand da eine Klausnerin:
Gott zu Liebe gab sie hin
Magdtum und alle Erdenlust. (435, 15)
Ihrer weiblichen Brust
Entblühte Trauer, ewig neue,
Doch aus der Wurzel alter Treue.

   Schionatulander
Und Sigunen fand er. (435, 20)
Begraben lag der Held und tot;
Sie erlebt' auf seinem Sarge Not.
Sigune la Düschesse
Hörte selten Messe;
Doch all ihr Leben war Gebet. (435, 25)
Ihr roter Mund von Glut gebläht,
Nun war er blass, so ganz erblichen
Seit alle Weltlust ihr gewichen.
Keine Maid litt je so hohe Pein:
Um zu trauern will sie einsam sein.

   Da sie der Fürst nicht erwarb, (436, 1)
An ihm die Minne ihr erstarb,
Sie minnte seinen toten Leib.
Wär sie wirklich jetzt sein Weib,
Ihr hätte Frau Lunet im Leben (436, 5)
Solchen Rat wohl nie gegeben
Wie sie gab ihrer Frauen.
Man mag noch Frauen schauen,
Bei denen eine üble Statt
Fände Frau Lunetens Rat. (436, 10)
Ein Weib, die um des Lieben willen,
Und der Zucht Gebot zu erfüllen,
Sich enthält fremder Minne,
Täuscht mir kein Trug die Sinne,
Lässt sie's bei ihres Mannes Leben, (436, 15)
Dem ward an ihr ein Heil gegeben.
Kein Fasten kleidet sie sowohl:
Das beeid ich wenn ich soll.
Hernach mag sie beliebig schalten;
Kann sie auch dann noch sich enthalten, (436, 20)
Das ziert sie, keinen schönern Kranz
Trägt sie je beim Freudentanz.

   Vergleich ich Freude mit der Not,
Die Sigunen ihre Treu gebot?
Das sollt ich lieber lassen. (436, 25)
Über Blöcke sonder Straßen
Ritt Parzival dem Fensterlein
Allzu nah: Das schuf ihm Pein.
Er wollte nach dem Walde fragen
Und wohin der Weg ihn werde tragen.
Bescheid zu finden hofft' er da. (437, 1)
"Ist jemand dring?" Da sprach sie: "Ja."
Als er die Frauenstimm erkannte,
Auf unzertretnen Rasen wandte
Der Held zurück das Rösselein; (437, 5)
Schon däucht es ihm zu spät zu sein:
Dass er nicht gleich war abgestiegen,
Fühlt' er Scham sich überfliegen.

   An des gefällten Baumes Ast
Band sein Ross alsbald der Gast (437, 10)
Und hing des Schildes Scherben dran.
Der bescheidne kühne Mann
Das Schwert auch von der Seite band:
So trat er zu des Fensters Rand
Nachzufragen wo er wär. (437, 15)
Die Klaus war aller Freuden leer
Und aller Kurzweil bar und bloß:
Nur Jammer fand er, der war groß.
Er bat, dass sie ans Fenster trete.
Da erhob sich vom Gebete (437, 20)
Mit Zucht die Jungfrau bleich und fahl.
Noch immer war ihm dazumal
Wär sie wäre völlig fremde.
Sie trug ein hären Hemde
Unter grauem Rock zunächst der Haut. (437, 25)
Großem Jammer war sie angetraut:
Der hat ihr hohen Mut gesenkt,
Ihrem Herzen Seufzer viel geschenkt.

   Mit Zucht die Magd zum Fenster ging,
Wo sie den Fremdling wohl empfing.
Den Psalter trug sie in der Hand. (438, 1)
Parzival der Weigand
Sah sie ein kleines Ringlein tragen,
Dem sie im Leid nicht mocht entsagen:
Sie behielts nach treuer Minne Rat. (438, 5)
Das Steinlein war ein Granat;
Das sah man aus dem Dunkel glühn,
Recht wie Feuer Funken sprühn.
Sie trug ums Haupt ein schwarzes Band.
Sie sprach: "Da draußen bei der Wand (438, 10)
Seht ihr eine Bank gestellt:
Setzt euch, wenn es euch gefällt
Und vergönnt die Muße.
Dass ich zu euerm Gruße
Kommen durfte, lohn euch Gott; (438, 15)
Der hilft getreulich in der Not."

   Der Degen folgte gern dem Rat;
Vors Fenster setzt' er sich und bat:
"Sitzet ihr da drinnen auch."
Sie sprach: "Gar selten wars mein Brauch, (438, 20)
Dass ich hier saß bei einem Mann."
Da hub der Held zu fragen an,
Was sie der Sitte pflege,
"Dass ihr so fern dem Wege
Wohnet in der Wildnis hier. (438, 25)
Groß Unbill scheint es mir,
Herrin, was ihr hier begeht,
Da rings kein haus euch nahe steht."

   Sie sprach zu ihm: "Mir wird vom Gral
Der Kost genug gesandt zum Mahl.
Kondrie la Sorzier (439, 1)
Bringet mir von dorten her
Jeden Samstag in der Nacht
(Den Vorsatz hat sie sich gemacht)
Was ich die Woche haben soll." (439, 5)
Sie sprach: "Wär mir nur anders wohl,
Um die Nahrung würd ich wenig sorgen;
In diesem Stück bin ich geborgen."

   Da wähnte Parzival, sie löge,
Und dass sie sonst ihn gern betröge. (439, 10)
Er sprach im Spott zu ihr hinein:
"Von wem habt ihr dies Ringelein?
Stets hab ich sagen hören,
Liebschaft müssten verschwören
Klausner und Klausnerinnen." (439, 15)
"An der Rede werd ich innen,
Ihr zeihtet mich der Falschheit gerne.
Wenn ich jemals Falschheit lerne,
Merkt sie wohl, seid ihr dabei;
Wills Gott, ich bin der Falschheit frei: (439, 20)
Aller Fehltritt widert mir."
Noch sprach sie: "Diesen Mahlschatz hier
Trag ich um einen lieben Mann.
Seine Minne nie gewann
Ich zwar mit menschlicher Tat. (439, 25)
Magdtumlichen Herzens Rat
Riet mir zu seiner Minne."
Sie sprach: "Er ist hier drinne,
Dessen Kleinod ich trug,
Seit ihn Orilus im Kampf erschlug.

   "Ich will ihm Minne geben (440, 1)
All mein jammerreiches Leben.
Rechte Minne muss ich ihm gewähren,
Da er mit Schwert, Schild und Speeren
Um meine Minne wehrlich warb, (440, 5)
Bis er in meinem Dienst erstarb.
Reines Magdtum blieb mir noch;
Er ist vor Gott mein Mann jedoch.
Rechnet Gott Gedanken an
Für Tat, so sind wir Weib und Mann (440, 10)
Verbunden in der rechten Ehe.
Sein Tod tat meinem Leben wehe.
Vor Gott soll dieses Ringelein
Uns wahrer Ehe Zeugnis sein.
Es bindet meine Reue fest, (440, 15)
Mit Herzenstränen oft genässt.

   "Hier bin ich selbander:
Schionatulander
Und die andere bin ich."
Nun erst überzeugt' er sich, (440, 20)
Dass es Sigune war, die Maid.
Ihr Kummer schuf ihm Herzeleid.
Eh er weiter sprach zu ihr,
Zog er herab das Härsenier,
Dass sie sein bloßes Haupt erschaue. (440, 25)
Da sah an ihm die Jungfraue
Durch Eisenrost die Haut so licht.
Da erkennt sie ihn und spricht:
"Wie, seid ihrs, Herr Parzival?
Sagt an, wie steht ihr mit dem Gral?
Habt ihr nun seine Kraft erkannt? (441, 1)
Wie ists um eure Fahrt bewandt?"

   Er sprach zur Jungfrau wohlgeboren:
"Ich habe Freud und Glück verloren,
Der Gral gibt Sorgen mir genug. (441, 5)
Das Land, wo ich die Krone trug,
Ließ ich, dazu das schönste Weib.
Geboren ward so schöner Leib
Auf Erden nimmer sicherlich.
Nach ihrer Reinheit sehn ich mich, (441, 10)
Um ihre Minne traur ich viel;
Doch mehr noch nach dem hohen Ziel,
Wie ich Monsalväsche mög ersehn
Und den Gral: Das ist noch ungeschehn.
Base, du vergehst dich schwer, (441, 15)
Sigun, an mir: Ich leide sehr,
Und doch feindest du mich an."
Da sprach sie; "all mein Zorn fortan,
Vetter, sei auf dich verschworen.
Du hast doch Freude viel verloren, (441, 20)
Da die Frage unterließ
Dein Mund, die dir so viel verhieß,
Als dir der edle Anfortas
Dein Wirt, dein Glück, zur Seite saß.
Da hätt dir Fragen Heil erjagt; (441, 25)
Doch nun ist Freude dir versagt
Und all dein hoher Mut gelähmt.
Dein Herz hat Sorge nun gezähmt,
Die stets dir fremde wäre,
Erfrugst du dort die Märe."

   "Ich trat wie der sich schaden soll. (442, 1)
Nun, liebe Base, rat mir wohl:
Nahverwandt ja bist du mir;
Und sag mir auch, wie stehts mit dir?
Dein Leid sollt ich beklagen, (442, 5)
Müsst ich nicht größres tragen,
Als je war eines Mannes los:
Meine Not ist allzu groß."

   Sie sprach: "Dir helfe dessen Hand,
Dem aller Kummer ist bekannt. (442, 10)
Vielleicht, dass es dir noch gelingt,
Dass ein Pfad dahin dich bringt,
Wo du Monsalväsch ersiehst
Und deinem Herzen Trost entsprießt.
Kondrie la Sorzier ritt noch (442, 15)
Nicht lange fort: Hätt ich sie doch
Gefragt, ob sie dahin will  ziehn,
Oder anderswohin.
Ihr Maul pflegt immer dort zu halten,
Wo der Brunnen fließt aus Felsenspalten. (442, 20)
Mach dich auf und folg ihr:
Sie eilt vielleicht nicht sehr von dir:
So holst du sie in kurzem ein."
Da durfte nicht gezögert sein:
Mit Sigunens Urlaub folgt' er bald (442, 25)
Den frischen Stapfen durch dne Wald.
Doch ritt ihr Maultier solche Wege,
Dass bald im dichten Waldgehege
Die Spur verschwand, die er erkoren.
So war der Gral aufs neu verloren.
Da vergaß er Freud und Lust. (443, 1)
Besser hätt er jetzt gewusst
Zu fragen, wär er hingekommen,
Als damals, wie ihr habt vernommen.

   Nun lasst ihn reiten, doch wohin? (443, 5)
Dort sieht er sich entgegen ziehn
Barhaupt einen Rittersmann.
Ein kostbar Kleid hat er an,
Der Harnisch drunter strahlt von Glanz,
Denn sonst ist er gewappnet ganz. (443, 10)
Der ritt auf Parzival daher
Und sprach: "Ich zürn euch, Herr, gar sehr,
Dass ihr dringt in meines Herren Wald.
Weicht, sonst muss ich euch alsbald
So ermahnen, dass ihr stöhnt. (443, 15)
Monsalväsch ist nicht gewöhnt,
Dass ihm wer so nahe ritt,
Es sei denn dass er siegreich stritt,
Oder solche Buße bot,
Die sie vor dem Walde heißen Tod." (443, 20)

   Der Degen trug in seiner Hand
Einen Helm, dessen Band
War von starken Seidenschnüren;
Einen scharfen Speer sah man ihn führen;
Von frischem Holz war sein Schaft. (443, 25)
Der Held band mit Zorneskraft
Sich den Helmhut fest aufs Haupt;
Man hätt es gerne geglaubt,
Er wolle zu den Zeiten
Nicht vergebens dräun mit Streiten.
So schickt' er zu der Tjost sich an. (444, 1)
Oft schönre Speere noch vertan
Hatte Parzival als diese hier:
Er gedacht: "Ich wär des Todes schier,
Ritt' ich dem Manne durch sein Korn: (444, 5)
Wie geriet' er dann wohl erst in Zorn?
Hier tret ich nur auf wilde Haide.
Versagt ihr Arme mir nicht beide,
So lös ich mich mit solchem Pfand,
Dass mich nicht bindet seine Hand." (444, 10)

   Sie brachten ihre Pferde drauf
Beiderseits in vollen Lauf
Und trieben sie mit Sporenschlägen
Einander pfeilgeschwind entgegen.
Sie kamen herrlich angerannt: (444, 15)
Mancher Tjost tat Widerstand
Parzivals hohe Brust.
Den lehrte Kunst und ein Gelust,
Dass seine Lanzenspitze fuhr
Recht in den Strick der Helmschnur. (444, 20)
Er traf ihn, wo man hängt den Schild,
Wenn es Tiostieren gilt,
Dass der Templer von dem Gral
Vom Ross herab fiel in ein Tal
Und sank die Hald hinab gar tief: (444, 25)
Wohl scheint es, dass der Held nicht schlief.

   Der Sieger folgt des Schwungs Gewalt;
Umsonst gebot dem Ross er Halt:
Es fiel hinab, zerbrach im Fall.
Den Ast ergriff nach Parzival
Einer Zeder mit den Händen. (445, 1)
Es wird ihn wohl nicht schänden,
Dass er sich ohne Schergen henkte.
Doch bald herab die Füße senkte
Der Held auf festen Felsengrund. (445, 5)
Im unerreichbaren Schlund
Lag sein Ross da unten tot.
Der Templer aus der Lebensnot
Floh zu der andern Talwand hin.
War er stolz auf den Gewinn, (445, 10)
Den er erwarb an Parzival,
So frommt' ihm mehr daheim der Gral.

   Da sich Parzival zurück begab,
Des Templers Zügel hing herab
Vom Ross, das sich darin verfangen: (445, 15)
Drum war es weiter nicht gegangen,
Seit es der Ritter dort vergaß.
Da Parzival im Sattel saß,
Hat er den Speer nur eingebüßt:
Der Verlust war durch den Fund versüßt. (445, 20)
Gewiss, der starke Lähelein,
Noch der stolze Kingrisein,
Noch der König Gramoflanz,
Noch Komte Laskoit Fils Gurnemans,
Hatten nimmer bessre Tjost geritten, (445, 25)
Als womit er dieses Ross erstritten.
Da ritt er weglos immerdar,
Und der Monsalväscher Schar
Bot ihm weiter keinen Streit.
Ihm gebrach der Gral, das war sein Leid.

   Wers hören will dem geb ich Kunde (446, 1)
Was ihm widerfuhr nach dieser Stunde.
Doch weiß ich nicht der Wochen Zahl,
Wie lang hernach noch Parzival
Auf Abenteuer ritt wie eh. (446, 5)
Eines Morgens war ein dünner Schnee,
Doch wohl so dicht herabgeschneit,
Dass Frost daraus ward prophezeit.
Es war in einem tiefen Wald:
Da begegnet' ihm ein Ritter alt. (446, 10)
Dem war ergraut des Bartes Haar,
Jedoch das Antlitz licht und klar;
Klar und licht auch war sein Weib.
Die Beiden auf dem bloßen Leib
Trugen Röcke rau behaart (446, 15)
Auf ihrer Buß- und Bittefahrt.
Ihre Kinder, zwei Jungfrauen,
Die man gerne mochte schauen,
Gingen auch in solchem Kleid.
Ihnen riet Bescheidenheit, (446, 20)
Sie waren alle barfuss.
Parzival bot seinen Gruß
Dem grauen Ritter, der da ging,
Von dem er selgen Rat empfing.
Er mocht ein Landesfürst wohl sein. (446, 25)
Den Frauen folgten Hündelein.
Demütig gingen, nicht zu hehr,
Ritter noch und Knappen mehr
Sittig auf der Gottesfahrt,
Noch mancher jung und ohne Bart.

   Parzival der Wiegand (447, 1)
Trug am Leibe solch Gewand,
Dass sein reiches Ritterkleid
Ihm herrlich stand wie allezeit.
Er fuhr so stolz gerüstet, (447, 5)
Dass er sich anders brüstet
Als jener graue Mann sich trug.
Aus dem Wege früh genug
Wandt er mit dem Zaum sein Pferd.
Gern hätt er fragend sich belehrt (447, 10)
Über der frommen Leute Fahrt;
Sie beschieden ihn mit guter Art.
Da war des grauen Ritters Klage,
Dass er die heiligen Tage
Nicht also ehrte nach der Sitte, (447, 15)
Dass er ungewappnet ritte,
Oder barfuss ginge
Und des Tages Fest beginge.

   Da gab ihm Parzival Bescheid:
"Herr, ich weiß zu keiner Zeit (447, 20)
An welchem Ziel das Jahr nun steht
Und wie der Wochen Zahl vergeht.
Wie die Tage sind benannt,
Das ist mir alles unbekannt,
Ich diente einem, der heißt Gott, (447, 25)
Eh seine Ungunst solchen Spott
Mir gab und solchen Ungewinn,
Da doch nie von ihm gewankt mein Sinn.
Man sagte mir, er helfe gern;
Doch bleibt mir seine Hilfe fern."

   Da sprach der Ritter grau von Haar: (448, 1)
"Meint ihr Gott, den eine Magd gebar?
Glaubt ihr, dass er Mensch geworden
Und heut für uns am Kreuz gestorben,
Weshalb wir diesen Tag begehn, (448, 5)
So muss solch Kleid euch übel stehn.
Denn es ist Karfreitag heut,
Des alle Welt sich billig freut
Und doch in Leid befangen ist.
Sprecht ob ihr höhre Treue wisst, (448, 10)
Als die Gott an uns beging,
Da man für uns ans Kreuz ihn hing?
Habt ihr die Tauf empfangen,
So muss euch Leid umfangen:
Er hat sein heiliges Leben (448, 15)
Um unsre Schuld dahingegeben;
Sonst wär der Mensch verloren,
Zu der Hölle Pein erkoren.
Wofern ihr nicht ein Heide seid,
Herr, so heiligt diese Zeit. (448, 20)
Reitet eures Weges fort:
Nicht ferne wohnt von diesem Ort
Ein heiliger Mann: Der gibt euch Rat
Wie ihr büßet eure Missetat.
Wollt ihr ihm Reue künden, (448, 25)
Er spricht euch los von Sünden."

   Seine Töchter huben an zu sprechen:
"Was willst du, Vater, an ihm rächen?
So böses Wetter wie nun ist,
Was rätst du ihm zu solcher Frist?
Hilf ihm vielmehr, dass er erwarme. (449, 1)
Seine geharnischten Arme,
Wie ritterlich und stark sie sind,
Doch ist die Kälte nicht gelind:
Er erfrör und wär er seiner drei. (449, 5)
Hast du doch hier nahe bei
Dein Gezelt und Schlafhaus stehn;
Käm Artus und sein ganzes Lehn,
Dir gebräche doch die Speise nicht.
Wohlan, so tu des Wirtes Pflicht (449, 10)
Und nimm dich dieses Ritters an."
Da sprach alsbald der graue Mann:
"Herr, meine Töchter sprechen wahr.
Mit Zelt und Hütten jedes Jahr
Fahr ich durch diesen wilden Wald, (449, 15)
Ob es warm sei oder kalt,
Naht uns dessen Marterzeit
Der steten Lohn für Dienst verleiht:
Was ich Gott zu Liebe hergebracht,
Das ist euch willig zugedacht." (449, 20)

   Die beiden Jungfrauen
Ließen guten Willen schauen.
Sie baten ihn zu bleiben;
Ihn solle nichts vertreiben,
Sprachen sie mit holden Mienen. (449, 25)
Parzival ersah an ihnen,
Obgleich das Wetter Frost nur bot,
Munde heiß und voll und rot.
Sie hatte Trauer nicht entstellt
Um den Heiland der Welt.
Hätt ich mit ihnen mich entzweit, (450, 1)
Ich nützte die Gelegenheit
Den Kuss der Sühne zu empfahn,
Nähmen sie die Sühne an.
Frauen sind doch immer Fraun: (450, 5)
Wo sie den tapfern Mann erschaun
Da sind sie bald bezwungen;
Das bezeugen tausend Zungen.

   Mit süßem Wort, mit holden Sitten
Hörte Parzival sie bitten, (450, 10)
Kinder und Eltern beide.
Er gedachte: "Wenn ich bleibe,
Gern zieh ich nicht in dieser Schar.
Die Mädchen sind so schön fürwahr,
Mein Reiten würde übel stehn, (450, 15)
Da Mann und Weib zu Fuße gehn.
Es fügt sich besser, dass wir scheiden,
Da Hass mit jenen muss verleiden,
Den sie von Herzen minnen
Und auf seine Hilfe sinnen. (450, 20)
Mir hat er Hilfe stets verwehrt,
Nur meiner Sorgen Zahl gemehrt."

   "Herr und Frau," hub er an,
"Lasst euern Urlaub mich empfahn.
Das Glück verleih euch volles Heil, (450, 25)
Und Freude werd euch stets zu Teil.
Ihr süßen Jungfraun beide,
Eure Zucht euch Lohn bescheide,
Dass ihrs so gut gemeint mit mir.
Nun gebt mir euern Urlaub hier."
Da neigt er sich und jene neigen; (451, 1)
Sie konnten Klage nicht verschweigen.

   Hin reitet Herzeleidens Frucht.
Den lehrte mannliche Zucht
Demut und Barmherzigkeit. (451, 5)
Dem die junge Herzeleid
Angeboren Treu und Güte,
Traurig ward sein Gemüte.
Jetzt zuerst gedacht er seiner Macht,
Der die Welt aus nichts gemacht, (451, 10)
Der ihn erschaffen und erhalten,
Wie der gewaltig müsse walten:
"Wie, wenn Gott doch sendete
Was meinen Jammer wendete?
Ward er jemals einem Ritter hold, (451, 15)
Erwarb ein Ritter seinen Sold,
Hält er seiner Hilfe wert
Die da führen Schild und Schwert
Unverzagt und mannhaft,
So lös er mich aus Sorgenhaft: (451, 20)
Ist heute seiner Hilfe Tag,
So helf er wenn er helfen mag."

   Er ritt zurück daher er kam.
Noch standen jene, wie im Gram,
Dass er so von ihnen schied. (451, 25)
Wie ihr getreuer Sinn es riet,
Blickten ihm die Jungfraun nach.
Doch auch das Herz des Ritters sprach,
Dass er sie gerne möge sehn,
Denn sie waren hold und schön.

   Er sprach: "Ist Gottes Kraft so groß, (452, 1)
Dass sie beiden, Mann und Ross,
Mag rechte Wege weisen,
Seine Hilfe will ich preisen.
Kann von Gott und Hilfe nahn, (452, 5)
So weis er dieses Kastilian,
Dass meine Reise glücklich sei:
Seine Güte steh mir hilfreich bei.
Nun geh nach göttlichem Bescheide."
Zaum und Zügel legte er beide (452, 10)
Frei zu des Rosses Ohren
Und trieb es mit den Sporen.

   Gen Fontän sauvasche wars gegangen,
Wo den Eid hatt Orilus empfangen.
Der fromme Trevrezent dort saß, (452, 15)
Der manchen Montag wenig aß
Und auch den Rest der Wochen.
Sich hatt er abgebrochen
Morass, Wein, dazu das Brot.
Strenger war noch sein Gebot: (452, 20)
Fisch und Fleisch, und was nur Blut
Trüge, mied sein keuscher Mut.
So war sein heiliges Leben.
Gott hatt ihm solchen Sinn gegeben.
Zu des Himmels Herrlichkeit (452, 25)
Macht' er übend sich bereit,
Indem er fastend Not erlitt,
Der Freud entsagend widerstritt.

   Von dem erfährt nun Parzival
Die verhohlne Märe von dem Gral.
Wer mich früher drum gefragt (453, 1)
Hätt, und weil ichs nicht gesagt,
Mit Hass mir dräuen wollen,
Verschwendet wär sein Grollen.
Zu hehlen hat michs Kiot, (453, 5)
Wie ihm die Aventür gebot
Geheimes zu bewahren;
Niemand sollt es erfahren
Bis im Verlauf der Märe
Davon zu sprechen wäre. (453, 10)

   Kiot, der Meister wohlbekannt,
Zu Toled verworfen liegen fand,
Und in arabischer Schrift,
Die Märe, die den Gral betrifft.
Der Karakter A B C (453, 15)
Musst er innehaben eh
Ohne nigromantische Kunst.
Ihm half dabei der Taufe Gunst,
Sonst wär die Mär noch unvernommen.
Heidenkunst mag nimmer frommen (453, 20)
Zu künden was uns offenbart
Ist von des Grales Kraft und Art.

   Ein Heide, Flegetanis,
Den man um seltne Künste pries,
Hatte manche Vision. (453, 25)
Er stammte von Salomon,
Aus israelischem Geschlecht erzielt
Von Alters her, eh unser Schild
Die Taufe ward vor Höllenqual.
Der schrieb der erste von dem Gral.
Ein Heide war er vaterhalb, (454, 1)
Flegetanis, der noch ein Kalb
Anbetete, als wär es Gott.
Wie darf der Teufel solchen Spott
Doch an so weisen Völkern tun? (454, 5)
Will sie zu wahren nicht geruhn
Davor des allerhöchsten Hand,
Dem alle Wunder sind bekannt?

   Flegetanis den Heiden
Mochte seine Kunst bescheiden (454, 10)
Vom Lauf aller Sterne
Und ihrer Heimkehr aus der Ferne,
Wie lang ein jeder hat zu gehn,
Bis wir am alten Ziel ihn sehn.
Menschliches Geschick und Wesen (454, 15)
Ist in der Sterne Gang zu lesen.
Flegetanis der Heid erkannte,
Wenn er den Blick zum Himmel wandte,
Geheimnisvolle Kunde.
Er sprach mit scheuem Munde (454, 20)
Davon: Ein Ding wird Gral genannt;
Im Gestirn geschrieben fand
Er den Namen, wie es hieß.
"Eine Schar ihn auf der Erde ließ,
Die zu den Sternen wieder flog, (454, 25)
Ob Gnad ob Unschuld heim sie zog.
Dann pflegte sein getaufte Frucht
Mit Demut und reiner Zucht.
Dei Menschheit trägt den höchsten Wert,
Die zum Dienst des Grales wird begehrt."

   So schrieb davon Flegetanis. (455, 1)
Kiot der Meister, den ich pries,
Suchte dann aus Wissensdrang
In lateinschen Büchern lang,
Wo ein Volk der Ehre (455, 5)
Je wert gewesen wäre,
Dass es des Grales pflege,
Demut im Herzen hege.
Er las der Lande Chronika
In Irland und Britannia, (455, 10)
In Frankreich und manch anderm Land,
Bis er die Mär in Anschau fand.
Da mocht er lesen sonder Wahn
Vom ersten Ahnherrn Mazadan,
Und die von ihm den Ursprung nahmen (455, 15)
Fand er geschrieben all mit Namen.
Und weiterhin, wie Titurel
Und sein Sohn Frimutel
Den Gral Anfortas überwies,
Des Schwester Herzeleide hieß, (455, 20)
Die Gahmureten trug den Helden,
Von welchem diese Märe melden.
Der ritt nun auf der neuen Fährte,
Von der der graue Ritter kehrte.

   Er erkennt die Statt, obwohl nun Schnee (455, 25)
Da liegt, wo Blumen blühten eh:
Es war vor jener Bergeswand,
Wo seine mannliche Hand
Einst Jeschuten Huld erwarb,
Und ihres Gatten Zorn verdarb.
Doch nicht verlor der Weg sich dort: (456, 1)
Fontän sauvasche hieß der Ort,
Zu welchem seine Reise ging:
Er fand den Wirt, der ihn empfing.

   Da sprach der Einsiedel gut: (456, 5)
"O weh, Herr, dass ihr also tut
In dieser heiligen Zeit!
Hat euch fährlicher Streit
In diesen Harnisch getrieben,
Oder seid ihr ohne Streit geblieben? (456, 10)
Euch stünde besser sonst ein Kleid,
Ließet ihr Vermessenheit.
Geruht nun, Herr, und steigt vom Pferde
(Mich dünkt, dass es euch wohl tun werde)
Und erwarmt bei einem Feuer. (456, 15)
Seid ihr auf Abenteuer
Ausgesandt um Minnesold,
Seid ihr rechter Minne hold,
So minnt wie nun die Minne will,
Dieses Tages Minne nehmt zum Ziel; (456, 20)
Ein andermal dient Frauen wieder.
Ich bitte, steigt vom Pferde nieder."

   Parzival der Weigand
Stieg vom Pferde gleich zur Hand;
Mit großer Zucht er vor ihm stund. (456, 25)
Er tat ihm von den Leuten kund,
Die ihn dahin gewiesen,
Seinen Rat ihm angepriesen.
Da sprach er: "Herr, nun gebt mir Rat:
Ich bin ein Mann der Sünde tat."

   Als diese Rede geschah, (457, 1)
Wieder sprach der Gute da:
"Euch zu raten bin ich wohl geneigt;
Nun sagt mir, wer euch hergezeigt."
"Herr, im Wald begegnet' ich (457, 5)
Einem Greisen; wohl empfing der mich,
Und die da mit ihm waren.
Der, in Falschheit unerfahren,
Wars, der mich euch finden lehrte:
Ich ritt hieher auf seiner Fährte." (457, 10)
Der Wirt sprach: "Das war Kahenis,
Den man um Tugend immer pries.
Der Fürst ist ein Punturteis:
Es hat der König von Kareis
Seine Schwester zum Gemahl erkoren. (457, 15)
Reinere Frucht ward nie geboren
Als seine Töchter beide,
Die ihr fandet auf der Heide.
Er stammt aus königlichem Hause;
Jährlich besucht er meine Klause." (457, 20)

   Zum Wirte sprach der Fremdling da:
"Als ich euch vor mir stehen sah,
Hat euch Furcht da übernommen?
Erschrakt ihr, als ich angekommen?
Das sprach der Alte: "Glaubt mir, Herr, (457, 25)
Vor dem Hirsch erschreck ich und dem Bär
Öfter als vor einem Mann.
Mit Wahrheit ich euch sagen kann,
Ich fürchte nichts was menschlich ist:
Ich hab auch Menschenkunst und List.
Selbstruhm sei fern; doch in dies Leben (458, 1)
Hätt ich aus Furcht mich nicht begeben.
Nie ist mir so das Herz erkrankt,
Dass ich vor tapfrer Wehr gewankt.
In meiner wehrlichen Zeit, (458, 5)
War ich ein Ritter wie ihr seid,
Der auch nach hoher Minne rang.
Manch sündiger Gedanke schlang
Sich durch mein keusches Leben.
Es war mein höchstes Streben, (458, 10)
Dass ein Weib mir gnädig wär;
Vergessen bin ich des nunmehr.

   "Gebt den Zaum in meine Hand.
Dort unter jener Felsenwand
Solle euer Ross sich ruhend stehn. (458, 15)
Nach einer Weile lasst uns gehn
Und brechen Gras und Farnkraut ab,
Da ich kein ander Futter hab;
Ich hoffe doch, dass wirs ernähren."
Da wollte Parzival sich wehren, (458, 20)
Dass er den Zaum nicht sollt empfangen.
"Die Zucht kann nicht von euch verlangen
Wider euern Wirt zu streiten:
Lasst Unfug nicht die Zucht verleiten."
Also sprach der gute Mann: (458, 25)
Da ließ er ihn den Zaum empfahn.
Der zog das Ross nun vor den Stein,
Den selten traf der Sonne Schein:
Das war ein wilder Marstall;
Hindurch ging einer Quelle Fall.

   Parzival stand auf dem Schnee: (459, 1)
Einem kranken Manne tät es weh,
Wenn er Harnisch trüge
Und der Frost so an ihn schlüge.
Ihn führt der Wirt in eine Gruft, (459, 5)
Die nie durchwehten Wind und Luft;
Hier lagen glühende Kohlen,
Da mochte sich der Gast erhohlen.
Eine Kerze ward auch angebrannt:
Da entwappnete sich der Weigand. (459, 10)
Unter ihm lag Reis und Stroh.
Da erwarmten ihm die Glieder so,
Dass seine Haut gab lichten Schein.
Er mochte wohl waldmüde sein:
Lang war er Straßen ferne, (459, 15)
Nur die lichten Sterne
Sein Obdach, Nachts umher geirrt:
Hier fand er nun getreuen Wirt.

   Da lag ein Rock, den zog ihm an
Der Wirt, und führt' ihn mit sich dann (459, 20)
Zu einer zweiten Gruft, wo aufgeschlagen
Des Einsiedels Bücher lagen.
Entblößt stand nach des Tages Brauch
Der Altar: Jene Kapsel auch
Darauf, die ihm gar wohl bekannt; (459, 25)
Sie wars, auf der einst seine Hand
Schwur den ungefälschten Eid,
Der Jeschutens langes Leid
In Freude verkehrte,
Ihr neues Glück gewährte.

   Zum Wirte sprach der Held sofort: (460, 1)
"Herr, die Heiltumskapsel dort
Erkenn ich, weil ich einst drauf schwur,
Da ich hier vorüber fuhr.
Einen farbgen Speer, der bei ihr stand, (460, 5)
Herr, den nahm hier meine Hand;
Viel Preis hab ich damit erjagt,
Zum mindsten ward es mir gesagt.
Der Gedanke wars an mein Gemahl,
Der mir die Besinnung stahl; (460, 10)
Zwei Tjoste rannt ich doch damit,
Die unbewusst ich beide stritt.
Gleichwohl fand ich Sieg und Ehr;
Ach, jetzt hab ich der Sorgen mehr
Als wohl je zuvor ein Mann. (460, 15)
Bei eurer Zucht sagt mir an,
Von jener Zeit wie lang ists her,
Dass ich hinweg nahm jenen Speer?"

   Da sprach zu ihm der gute Mann:
"Den Speer vergaß hier Taurian; (460, 20)
Mein Freund erhob darum auch Klage.
Fünfthalb Jahr ists und drei Tage
Seit ihr den Speer euch nahmt zu eigen:
Glaubt ihrs nicht, ich wills euch zeigen."
Da las er ihm im Psalter all (460, 25)
Der Wochen und der Jahre Zahl,
Die seitdem vergangen waren.
Er sprach: "Nun hab ich erst erfahren,
Wie lang ich irre weisungslos
Und aller Freuden bar und bloß,"
Sprach er, "mir ist Freud ein Traum; (461, 1)
Ich trage Kummers schweren Saum."

   "Herr, ich tu euch mehr noch kund.
Wo Münster der Kirche stund,
Darin Gott Ehre soll geschehn, (461, 5)
Da hat kein Auge mich gesehn
In allen diesen Zeiten.
Ich suchte nichts als Streiten.
Zu Gott auch trag ich Hass und Zorn,
Denn er ist meiner Sorgen Born, (461, 10)
Er hat sie allzu hoch erhaben;
Lebendig ist mein Glück begraben.
Wollte Gott mir Hilfe leihn,
So ankerte die Freude mein
So tief nicht in des Kummers Grund. (461, 15)
Mir ist mein mannlich Herz so wund!
Wie wär es wohl auch heil und ganz,
Da Trübsal ihren Dornenkranz
Mir drückt auf alle Würdigkeit,
Die mir Schildesamt erstritt im Streit (461, 20)
Wider wehrliche Degen.
Das darf ich dem zu Last wohl legen,
Der alle Hilfe mächtig ist
Und hilfreich Hilfe nie vergisst;
Mir alleine half er nicht, (461, 25)
Was man von seiner Hilf auch spricht."

   Mit Seufzen sah der Wirt ihn an.
"Herr," sprach er, "lasst von solchem Wahn:
Lernt besser Gott vertrauen:
Ihr sollt noch Hilfe schauen.
Gott mög uns helfen beiden. (462, 1)
Herr, wollet mich bescheiden,
(Aber setzt euch doch dabei)
Und sagt mir unumwunden frei,
Wie dieser Zwiespalt sich entspann, (462, 5)
Da Gott euern Hass gewann.
Bei eurer Zucht, hört mit Geduld
Von mir erst seine Unschuld,
Eh ihr über ihn mir klagt:
Seine Hilf ist allen unversagt. (462, 10)

   "Ob ich gleich ein Laie bin,
Mir blieb wahrhafter Bücher Sinn
Nicht fremd, die alle schreiben,
Wie der Mensch getreu soll bleiben
In dessen Dienst, des Hilfe groß (462, 15)
Steter Hilfe nie verdross,
Dass unsre Seele nicht versank.
Seid getreu ohn allen Wank,
Da Gott selbst die Treue ist.
Verhasst war stetes ihm falsche List: (462, 20)
Das soll bei uns zu Gut ihm kommen
Und was er tat zu unserm Frommen,
Da der Allerhöchste mild
Uns zu Leibe ward zum Menschenbild.
Gott heißt und ist die Wahrheit, (462, 25)
Drum bleibt ihm Falschheit ewig leid:
Das bedenket immerdar.
Er verlässt uns nicht fürwahr:
Lehrt ihr auch die Gedanken,
Nicht mehr von ihm zu wanken.

   "Gott zürnen, das sei fern. (463, 1)
Wer da sieht, ihr hasset Gott den Herrn,
Wähnt euch gewiss am Hirne krank.
Bedenkt, wie Luzifern gelang
Und seinen Genossen alle. (463, 5)
Sie waren doch ohne Galle:
Wo nahmen sie die Bitterkeit,
Für die ihr endloser Streit
Erwirbt der Hölle bittern Lohn?
Astiroth und Belcimon, (463, 10)
Belet und Radamant,
Und andre, die mir wohl bekannt:
Das lichte himmlische Geleit
Ward höllenschwarz durch Zorn und Neid.

   "Da Lucifer zur Hölle sank, (463, 15)
Da nahm der Mensch den Anfang.
Gott bildete von Erdenton
Adamen, seiner Hände Sohn.
aus Adams Fleisch er Even brach,
Von der uns kommt das Ungemach, (463, 20)
Die den Schöpfer überhörte
Und unser Heil zerstörte.
Von beiden kam gezweite Frucht:
Dem einen riet die Eigensucht,
Dass er in blinder Leidenschaft (463, 25)
Seiner Ahnfrau nahm die Jungfrauschaft.
Hier hebt nun mancher an zu fragen,
Wird diese Mär ihm vorgetragen,
Wie das möglich könne sein?
Durch Sünde möglich wars allein."

   Parzival versetzte da: (464, 1)
"Herr, ich zweifle doch, ob das geschah.
Wer hat den Vater ihm geboren,
Von dem die Ahnfrau hat verloren
Die Jungfrauschaft, wie ihr gewähnt? (464, 5)
Ihr hättets besser nicht erwähnt."
Der Wirt entgegnete sogleich:
"Aus diesem Zweifel nehm ich euch.
Wenn ich nicht Wahrheit sage,
Führt über Trug dann Klage. (464, 10)
Die Erde Adams Mutter war:
Gott bildet' ihn aus Erde zwar;
Dennoch blieb die Erde Magd.
Nun hab ich euch noch nicht gesagt,
Wer das Magdtum ihr benahm. (464, 15)
Den Kain zeugte Adam,
Der Abeln schlug um eitel Gut.
Als auf die reine Erde Blut
Fiel, ihr Magdtum war entflohn:
Das benahm ihr Adams Sohn. (464, 20)
Da hub sich Menschenzorn und Neid;
Sie währen fort von jener Zeit.

   "Nichts Reinres doch auf Erden ist
Als die Jungfrau sonder arge List.
Nun seht wie rein die Maide sind: (464, 25)
Gott selber war der Jungfrau Kind.
Von Maiden sind zwei Menschen kommen:
Gott selber hat Gestalt genommen
Nach der Frucht der ersten Maid:
So erwies er hohe Mildigkeit.
Unheil und Freude kamen (465, 1)
Uns aus Adams Samen.
Er will gesippt uns angehören,
Des Lob erklingt von Engelschören;
Doch musst aus Sipp uns Sünde blühn, (465, 5)
Dass wir der Sünde nie entfliehn.
Erbarme drob sich dessen Kraft,
In dem Erbarmen wirkt und schafft,
Der im Menschenbild Unbilde litt
Und getreulich wider Untreu stritt. (465, 10)

   "Ihr sollt den Zorn vergessen:
Ihr verwirkt das Heil vermessen.
Für Sünde sollt ihr Buße tun
Und lasst verwegne Rede ruhn.
Wer sein Leid will rächen (465, 15)
Mit ungezähmtem Sprechen,
Von dessen Lohne sei euch kund;
Ihn richtet der eigne Mund.
Nehmt zur neuen alte Märe,
Dass sie euch Treue lehre. (465, 20)
Jener Redner Platon
Sprach zu seinen Zeiten schon
Und Sibylle hat, die Seherin,
Mit untrüglichem Sinn
Vorausgesagt so manches Jahr, (465, 25)
Uns werde kommen fürwahr
Für die Schuld ein hohes Pfand.
Aus der Hölle nahm uns Gottes Hand
Und die göttliche Minne;
Die Frevler ließ sie drinne.

   "Aus des wahren Minners Mund (466, 1)
Ward uns frohe Botschaft kund.
Der ist ein durchleuchtig Licht
Und wankt in seiner Minne nicht.
Wem er Minn erzeigen soll, (466, 5)
Dem wird mit seiner Minne wohl.
Die Botschaft kündet zweierlei:
Aller Welt zu kaufen sei
Gottes Hass und Gottes Minne:
Welches wählt ihr zum Gewinne? (466, 10)
Der Sünder ohne Reue
Flieht die göttliche Treue;
Wer aber büßet seine Schuld,
Der verdient des Höchsten Huld.

   "Dem Höchsten wehrt keine Schranke. (466, 15)
Dem Blick der Sonne wehrt Gedanke:
Gedank ist ohne Schloss versteckt,
Vor aller Kreatur verdeckt,
Gedank ist finster ohne Schein;
Doch Gottes Klarheit blitzt hinein. (466, 20)
Sie leuchtet durch die finstre Wand,
Sie kommt verhohlnen Sprungs gerannt,
Der nicht toset, der nicht klingt,
Wenn er in die Herzen dringt.
Sei Gedanke noch so schnelle, (466, 25)
Eh er vor des Herzens Schwelle
Kommt, ist er durchgründet:
Gott wählt, die er würdig findet.
Da Gott Gedanken selbst durchspäht,
Weh dem, der sündge Tat begeht!
Wer mit Werken seinen Gruß (467, 1)
Verwirkt, dass Gott sich schämen muss,
Was hilft dem weltliche Zucht?
Wo ist seiner Seele Zuflucht?
Wenn ihr Gott entgegen seid, (467, 5)
Der zu beidem ist bereit,
Zur Minne wie zum Zorne,
So seid ihr der Verlorne.
Nun wendet eur Gemüte,
Dass er euch dankt, zur Güte." (467, 10)

   Parzival versetzte so:
"Herr, von Herzen bin ich froh,
Dass ihr mich über den beschieden,
Der nichts lässt ungelohnt hienieden,
Das Laster noch die Tugend. (467, 15)
Mit Sorgen meine Jugend
Hab ich bis diesen Tag durchlebt,
Mit Treue Jammer nur erstrebt."

   Der Wirt sprach zu dem jungen Herrn:
"Verhehlt ihrs nicht, so hört ich gern (467, 20)
Was euch für Sorgen drücken.
Entdeckt sie meinen Blicken,
Vielleicht dass ihr dann guten Rat,
Den ihr nicht habt, von mir empfaht."
Wieder sprach da Parzival: (467, 25)
"Meine höchste Not ist um den Gral,
Und dann um mein ehlich Weib:
Auf Erden lebt kein schönrer Leib,
Der jemals sog der Mutter Brust:
Nach den beiden sehnt sich mein Gelust."

   Der Wirt sprach: "Herr, ihr sprechet wohl. (468, 1)
Das ist Kummer, den man haben soll,
Wenn ihr um euer Ehgemahl
Im Herzen tragt der Sehnsucht Qual.
lebt ihr in rechter Ehe, (468, 5)
Träf euch der Hölle Wehe,
Zu Ende wäre blad die Pein:
Aus solcher Banden Not befrei
Würd euch Gottes Hilfe gleich.
Doch nach dem Gral auch sehnt ihr euch; (468, 10)
Ihr dummer Mann, das muss ich klagen.
Den Gral kann niemand erjagen
Als der im Himmel wird ernannt
Und in den Dienst des Grals gesandt:
Das lasst vom Gral euch offenbaren; (468, 15)
Ich weiß es, hab es selbst erfahren."
Parzival sprach: "Wart ihr da?"
"Herr," gab der Wirt zur Antwort, "ja!"
Parzival verschwieg ihm gar,
Dass auch er einst bei ihm war: (468, 20)
Er frug ihn um die Märe,
Wie es mit dem Grale wäre?

   Der Wirt sprach: "Mir ist wohl bekannt,
Es wohnt manch wehrliche Hand
Zu Monsalväsche bei dem Gral. (468, 25)
Auch pflegen über Berg und Tal
Dieselben Templeisen
Auf Abenteuer zu reisen,
Die sie als Sündenbuße tragen,
Ob sie da Leid, ob Preis erjagen.

   "Die wehrliche Ritterschaft, (469, 1)
Höret, was ihr Nahrung schafft:
Sie leben von einem Stein,
Dessen Art muss edel sein.
Ist euch der noch unbekannt, (469, 5)
Sein Name wird euch hier genannt:
Er heißet Lapis exilis.
Von seiner Kraft der Phönix
Verbrennt, dass er zu Asche wird
Und dann der Glut verjüngt entschwirrt. (469, 10)
Der Phönix schüttelt sein Gefieder
Und gewinnt so lichten Schimmer wieder,
Dass er schöner wird als eh.
Wär einem Menschen noch so weh,
Doch stirbt er nicht denselben Tag, (469, 15)
Da er den Stein erschauen mag,
Und noch die nächste Woche nicht;
Auch entstellt sich nicht sein Angesicht:
Die Farbe bleibt ihm klar und rein,
Wenn er täglich schaut den Stein, (469, 20)
Wie in seiner besten Zeit
Einst als Jüngling oder Maid.
Säh er den Stein zweihundert Jahr,
Ergrauen würd ihm nicht sein Haar.
Solche Kraft dem Menschen gibt der Stein, (469, 25)
Dass ihm Fleisch und Gebein
Wieder jung wird gleich zur Hand:
Dieser Stein ist Gral genannt.

   "Dem kommt heut eine Botschaft,
In der liegt seine größte Kraft;
Denn heut ist der Karfreitag, (470, 1)
Da man der Sendung warten mag:
Eine Taube sich vom Himmel schwingt,
Die dem Stein hernieder bringt
Eine Oblat weiß und klein. (470, 5)
Die Gabe legt sie auf den Stein:
Dann hebt mit glänzendem Gefieder
Die Taube sich zum Himmel wieder.
Alle Karfreitage
Bringt sie was ich euch sage. (470, 10)
Davon empfängt der Stein genug,
Was Gutes je die Erde trug
Von Essen und von Trinken,
Was im Paradies mag winken,
Die Erde mag gebähren. (470, 15)
Ihnen soll der Stein gewähren
Was Wildes unterm Himmel lebt,
Was läuft, fliegt oder schwebt:
Die Pfründe gibt des Grales Kraft
Der ritterlichen Bruderschaft. (470, 20)

   "Doch die zum Grale sind benannt,
Hört wie ihr Name wird bekannt.
An dem Grale ringsherum
Erscheint ein Epitaphium,
Das sie und ihr Geschlecht benennt, (470, 25)
Denen Gott die selge Fahrt vergönnt,
Ob es Mägdlein sind ob Knaben.
Hinweg lässt sich die Schrift nicht schaben;
Doch wenn der Name gelesen ist
Verschwindet sie zur selben Frist.
Sie kamen all dahin als Kind, (471, 1)
Die nun dort erwachsne Leute sind.
Wohl der Mutter, die das Kind geboren,
Das zum Dienst des Grales wird erkoren!
Ob sie arm sind oder reich, (471, 5)
Darüber freun sich alle gleich,
Wenn sie ihr Kind zu rufen kommen,
Das in die Schar wird aufgenommen.
Man holt sie her aus manchen Landen;
Sie sind vor sündichen Schanden (471, 10)
Dort immerdar behütet
Und im Himmel wirds vergütet.
Scheiden sie aus diesem Leben
Wird ihnen dort das Heil gegeben.

   "Die sich nicht entscheiden mochten, (471, 15)
Als Kampf ward gefochten
Zwischen Trinitas und Luzifer,
All das himmlische Heer
Mit leuchtendem Gefieder,
Zu dem Steine musste es nieder (471, 20)
Dort zu dienen diesem Stein:
Wohl muss der hehr und edel sein.
ob ihnen Gott die Schuld erließ,
Ob er sie später ganz verstieß -
Er mochte tun was ihm genehm. (471, 25)
Dem Steine dienen seitdem
Die Gott dazu benannte,
Seinen Engel ihnen sandte.
Herr, so steht es um den Gral."
Wieder sprach da Parzival:

   "Da Ritterschaft des Leibes Preis (472, 1)
Und doch der Seele Paradies
Erwerben mag mit Schild und Speer,
So war mir Ritterschaft Begehr.
Ich stritt wo ich nur Streiten fand, (472, 5)
Und meine wehrliche Hand
näherte sich oft dem Preis.
Wenn Gott nun Kampf zu würdgen weiß,
So soll er mich zum Gral benennen,
Der, sie werdens bald erkennen, (472, 10)
Sich nie dem Kampf entziehn wird.
Demütig sprach jedoch sein Wirt:
"Erst müsstet ihr vor Hochfahrt
Behütet sein und wohl bewahrt.
Euch verführte leicht die Jugend, (472, 15)
Dass ihr brächt der Demut Tugend.
Stets musste Hochmut fallen."
Seine Augen sah man wallen
Beim Gedanken an die Kunde,
Die da ging aus seinem Munde: (472, 20)

   "Herr, ein König einst den Gral besaß,
Der hieß und heißt noch Anfortas.
Immerdar erbarmen
Soll euch und mich Armen
Seine bittre Herzensnot, (472, 25)
Die Hochfahrt ihm zu Lohne bot.
Seine Jugend und sein reiches Gut
Verlockten ihn zum Übermut,
So dass er warb um Minne
Mit ungezähmtem Sinne.

   "Dem Gral ist solcher Brauch nicht recht: (473, 1)
Da muss der Ritter und der Knecht
Behütet sein vor Leichtsinn;
Demut gibt bessern Gewinn.
Des Grales werte Bruderschaft (473, 5)
Hält mit wehrlicher Kraft
Das Volk aus allem Land umher
Stets so fern durch seine Wehr,
Dass keinem wird der Gral bekannt,
Den er nicht selbst dazu ernannt, (473, 10)
In Monsalväsch dem Gral zu dienen.
Unbenannt kam einer doch zu ihnen:
Das war ein einfältger Mann
Und schied mit Sünden auch hindann,
Dass er nicht zum Wirte sprach (473, 15)
Und frug nach seinem Ungemacht.
Ich sollte niemanden schelten;
Doch dieser muss der Sünd entgelten,
Dass er nicht erfrug des Wirtes Schaden.
Er war mit Leid doch so beladen, (473, 20)
Die Erde kennt nicht höhre Pein.
Vor ihm schon war Roi Lähelein
An den See Brumban geritten.
Eine Tjost hat da mit ihm gestritten
Libbeals der werte Held, (473, 25)
Auch ward er in der Tjost gefällt;
Er war geboren von Prienlaskross.
Lählein zog des Helden Ross
An seiner Hand als Beute fort:
So beging er Raub zugleich und Mord.

   "Herr, seid ihr nicht Lähelein? (474, 1)
Ihr brachtet zu dem Stalle mein
Ein Ross, den Rossen völlig gleich,
Die sie reiten in des Grales Reich.
Auf dem Sattel steht die Turteltaube: (474, 5)
Es kommt von Monsalväsch, ich glaube.
Das Wappen gab Anfortas ihnen,
Als ihm noch alle Freuden schienen.
Sie führtens früher schon im Schilde:
Da bracht es Titurel, der milde, (474, 10)
Auf seinen Sohn Frimutel.
Unter ihm verlor der Degen schnell
Auch von einer Tjost das Leben.
Seinem Weibe war der so ergeben,
Dass wohl von keinem Manne mehr (474, 15)
Geminnet ward ein Weib so sehr;
Ich mein' in rechten Treuen.
Den Brauch sollt ihr erneuen
Und minnt von Herzen eur Gemahl.
Befleißt euch seiner Sitten all; (474, 20)
Ihr seht von Angesicht ihm gleich.
Einst war er Herr im Gralesreich.
Ach Herr, wie ist doch eur Geschlecht?
Wo stammt ihr her? Das sagt mir recht."

   Einer sah den andern an, (474, 25)
Zum Wirte Parzival begann:
"Ich ward einem Mann geboren,
Der im Kampf das Leben hat verloren
Durch sein ritterlich Gemüte.
Schließt ihn, Herr, bei eurer Güte,
Künftig ein in eur Gebet. (475, 1)
Mein Vater hieß Gahmuret,
Von Geschlecht ein Anschewein.
Herr, ich bin nicht Lähelein:
Hab ich den Mordraub je genommen, (475, 5)
Wars eh ich zu Verstand gekommen.
Es ist jedoch von mir geschehn,
Die Sünde muss ich eingestehn:
Ithern von Kukumerland
Schlug meine sündhafte Hand: (475, 10)
Ich streckt ihn tot dahin aufs Gras
Und nahm ihm was er nur besaß."

   "Weh dir, Welt, wie tust du so!"
Sprach der Wirt; er war der Mär nicht froh.
"Du gibst uns Trübsal und Beschwer, (475, 15)
Kummer und Sorge mehr
Als wahrer Lust: Was ist dein Lohn?
So endet deines Liedes Ton!"
Da sprach er: "Lieber Neffe mein;
Wie mag dir nun zu raten sein? (475, 20)
Du hast dein eigen Fleisch erschlagen.
Willst du vor Gott die Blutschuld tragen
(Ihr stammet beid aus einem Blut),
Wenn Gott gerecht als Richter tut
So kostet es dein eigen Leben. (475, 25)
Was willst du zum Ersatze geben
Für Ithern von Gahevieß?
Der nie der Ehre Pfad verließ.
Gott schuf an ihm was höhre Zier
Dem Leben leiht auf Erden hier.
Nur andrer Freude mocht ihn freuen, (476, 1)
Der ein Balsam war der Treuen.
Alle Schande floh ihn weit,
Sein Herz bewohnte Würdigkeit.
Nie solltens werte Fraue vergeben, (476, 5)
Dass du nahmst sein holdes Leben.
Er ergab sich ihrem Dienst so ganz,
Der Frauen Augen strahlten Glanz,
Wenn sie ihn sahn, von seiner Süße.
Dass es Gott erbarmen müsse! (476, 10)
Warum schufst du solche Not?
Meiner Schwester gabst du auch den Tod,
Herzeleid der Mutter dein."
"Nicht doch, guter Herr, ach nein!
Was sagt ihr da," sprach Parzival, (476, 15)
"Und wenn ich König wär vom Gral,
Das Leid vergüten möcht es nicht,
Davon mir euer Mund nun spricht.
Bin ich eurer Schwester Kind,
So zeigt, dass ihr mir treu gesinnt (476, 20)
Und macht mir wahrhaft offenbar:
Sind diese Dinge beide wahr?"

   Dawider sprach der gute Mann:
"Ich bin es nicht, der trügen kann.
Deine Mutter, da du schiedest, starb; (476, 25)
Die Treu ihr solches Los erwarb.
Du warst das Tier, das sie da sog,
Der Drache, der da von ihr flog.
Im Traum es ihr beschieden war
Eh noch die Süße dich gebar.

   "Meiner Schwester zwei noch sind. (477, 1)
Meiner Schwester Tschoisian' ein Kind
Gebar: Die Frucht gab ihr den Tod.
Der Herzoge Kiot
Von Katelangen war ihr Mann; (477, 5)
Keine Freud er auch seitdem gewann.
Sigunen, beider Töchterlein,
Befahl man der Mutter dein.
Mitten in meinem Herzen
Muss mich Tschoisiane schmerzen: (477, 10)
Ihr weiblich Herz war so gut,
Ein Wehr vor aller Sünden Flut.
Meine andre Schwester lebt; die Magd
Hat aller Eitelkeit entsagt.
Repans de Schoie pflegt den Gral: (477, 15)
Ihr ist er leicht, ein Federball;
Doch nimmer von der Stelle trägt
Ihn wer im Herzen Falschheit hegt.
Unser Bruder ist Anfortas,
Der nun besitzt und längst besaß (477, 20)
Des Grals ererbte Herrlichkeit.
Von dem ist leider Freude weit,
Nur dass er von der Hoffnung zehrt,
Sein Kummer werde dort verkehrt
In Wonne sonder End und Ziel. (477, 25)
Wie ich dir, Neffe, künden will
Ist es wunderbar ergangen,
Dass ihn Jammer hält befangen:
Hegst du dann Treu im Herzen,
So muss sein Leid dich schmerzen.

   "Meinen Vater Frimutel verloren (478, 1)
Wir früh: Da ward nach ihm erkoren
Der seiner Söhne ältster war
Zum Vogt des Grals und seiner Schar.
Anfortas wars, der Bruder mein: (478, 5)
Ihm ziemte wohl der Krone Schein,
Obgleich wir Kinder waren.
Als mein Bruder zu den Jahren
Kam, dass ihm der Bart entsprang,
Solcher Jugend tut die Minne Zwang. (478, 10)
Sie pflegt sie allzusehr zu plagen:
Das muss man ihr zum Tadel sagen.
Als Herr des Grals nach Minne streben,
Die ihm die Schrift nicht nachgegeben,
Ist sträfliche Vermessenheit, (478, 15)
Die Seufzer bringt und Herzeleid.

   "Mein Herr und Bruder wählte sich
Eine Freundin minniglich
Und hehrer Sitten, däucht es ihn;
Wer sie war, das steh dahin. (478, 20)
In ihrem Dienst hielt er sich so,
Dass ihn alle Zagheit floh.
Da ward von seiner starken Hand
Zerbrochen mancher Schildesrand.
Zu manchem Abenteuer (478, 25)
Trieb ihn Liebesfeuer:
Ward einer öfter noch bestanden
In allen ritterlichen Landen,
Solches Willens war er frei.
Amor war sein Feldgeschrei:
Der Feldruf ist zur Demut (479, 1)
Eben auch nicht allzu gut.

   "Einst ritt der König allein
(Den Seinen allen schuf es Pein)
Aus nach Abenteuern: (479, 5)
Minne sollt' ihm Freude steuern,
Denn noch zwang ihn Minne sehr.
Mit einem giftigen Speer
Ward er in einer Tjost so wund,
Dass er nimmermehr gesund (479, 10)
Wird, der süße Oheim dein.
Getroffen war sein Schambein.
Ein Heide wars, der mit ihm stritt,
Wider ihn tjostierend ritt,
Geboren von Ethnise, (479, 15)
Wo aus dem Paradiese
Geflossen kommt die Tigris.
Der Heide meinte für gewiss,
Den Gral sollt er gewonnen haben.
In den Speer sein Name stand gegraben. (479, 20)
Er suchte ferne Ritterschaft:
Einzig um des Grales Kraft
Strich er über Meer und Land.
Von seinem Streit und Freude schwand.

   "Man musste wohl als tapfer preisen (479, 25)
Deines Oheims Kampf; des Speeres Eisen
Führt' er in seinem Leib hindann.
Da der junge werte Mann
Heimkam zu den Seinen,
Da sah man kläglich weinen.
Den Heiden hat er dort erschlagen; (480, 1)
Den wollen wir mit Maßen klagen.

   "Als der König kam, erblichen,
Und alle Kraft von ihm gewichen,
Da griff ein Arzt ihm in die Wunde (480, 5)
Und fand das Eisen dort zur Stunde.
Die Spitze war von innen hohl:
Draus floss das Gift zur Wunde wohl.
Der Arzt gewann die Splitter wieder.
Da fiel ich zum Gebete nieder (480, 10)
Und gelobte Gott aus Herzenskraft,
Dass ich aller Ritterschaft
Hinfort entsagen wollte,
Dass Gott doch helfen sollte
Meinem Bruder aus der Not. (480, 15)
Fleisch verschwur ich, Wein und Brot,
Und was man blutger Speisen wüsste,
Dass ihrer nimmer mich gelüste.
Da hub das Volk erst an zu klagen,
Lieber Neffe, lass dir sagen. (480, 20)
Dass ich des Schwerts mich abgetan.
Sie sprachen: "Wer wird fortan
Dem Gral zum Schirmer taugen?"
Da weinten lichte Augen.

   "Man trug den König vor den Gral, (480, 25)
Ob Gott ihm hilfe von der Qual.
Da den Gral der König sah,
Ein neuer Jammer wars ihm da,
Dass er nicht konnt ersterben.
Tod durft er nicht erwerben,
Da ich mich hatt ergeben (481, 1)
In dieses arme Leben,
Und des Grales Herrschaft
Ruht' auf seiner schwachen Kraft.
Von Gift war seine Wunde nass. (481, 5)
Was man Arzneibücher las,
Die gaben keiner Hilfe Lohn.
Wider Aspis, Ecidemon,
Ehkontius und Lisis,
Jecis und Meatris. (481, 10)
Der argen Schlangen heißes Gift,
Was man dafür verschrieben triftt,
Und andre gifge Würme,
Was ein Arzt dafür zum Schirme
An Kräutern weiß und Würzen (481, 15)
(Lass den Bericht dir kürzen),
Nichts sollte helfen können:
Gott wollt es nicht vergönnen.

   "Da schickten wir zum Geon
Boten, und zum Fison, (481, 20)
Zum Euphrats und Tigris,
Den vier Flüssen aus dem Paradies,
So nah ihm, dass sein Ruch so fein
Noch nicht verflogen konnte sein:
Ob ein Kraut geschwommen käme, (481, 25)
Das uns aus der Trauer nähme.
Das war verlorne Arbeit:
Erneut war unser Herzeleid.

   "Wir versuchtens noch in mancher Weise.
Da griffen wir zu jenem Reise,
Das Sibylle dem Aeneas bot (482, 1)
Wider alle Höllennot,
Wider des Phlegetons Dunst und Rauch,
Und andrer Höllenflüsse auch:
Mit Mühn und Sorgen mancherlei (482, 5)
Schafften wir das Reis herbei,
Ob der grausame Speer
Vielleicht im Höllenfeuer wär
Vergiftet und gelötet,
Der uns viel Freud ertötet. (482, 10)

   "So war es nicht mit ihm bewandt.
Ein Vogel, Pelikan genannt,
Wenn er junge Brut gewinnt,
Allzu sehr die Kleinen minnt:
Wie ihn seiner Treu Gelust (482, 15)
Zwingt, durchbeißt er sich die Brust,
Lässt das Blut den Jungen in den Mund;
Er aber stirbt zur selben Stund.
Da nahmen wir des Vogels Blut,
Ob seine Treu uns käm zu gut, (482, 20)
Und strichens auf die Wunden
So gut als wirs verstunden:

   "Das half uns keine taube Nuss.
Ein Tier heißt Monicirus:
Das dünkt der Jungfrau Reinheit groß: (482, 25)
Es schlummert ein auf ihrem Schoß.
Wir verschafften uns des Tieres Herz
Wider des Königs Schmerz;
Wir nahmen den Karfunkelstein
Aus des Tieres Hirnbein,
Der da wächset unter seinem Horn. (483, 1)
Wir bestrichen die Wunde vorn,
Tauchten drein den Stein sogar;
Doch blieb sie giftig wie sie war.

   "Das tat uns mit dem König weh. (483, 5)
Wir nahmen ein Kraut, heißt Trachonte
(Von dem Kraute hört man sagen,
Wo ein Drache werd erschlagen,
Aus dem Blute wachs es auf.
Das Kraut hat zu der Sterne Lauf (483, 10)
Unerforschlichen Bezug),
Ob uns vielleicht des Drachen Flug
Noch im Kraute möchte frommen
Bei der Sterne Wiederkommen
Und des Mondes Wandeltag, (483, 15)
Der der Wunde Schmerz zu mehren pflag:
Des Krautes edle Eigenschaft
Erwies mitnichten ihre Kraft.

   "Wir knieten betend vor dem Gral.
Da stand daran mit einem Mal (483, 20)
Geschrieben, dass ein Ritter käme:
Wenn dessen Frage man vernähme,
So wär das Übel abgetan:
Hätt aber Kind, Magd oder Mann
Ihn gewarnt, der Frage zu gedenken, (483, 25)
So möge sie nicht Hilfe schenken:
Der Schade währe fort wie eh,
Und brächte nur noch schärfres Weh.
Die Schrift sprach: "Habt ihr das vernommen?
Aus Warnung kann nur Schaden kommen.
Auch frag er in der ersten Nacht; (484, 1)
Hernach zergeht der Frage Macht.
Hört man zur rechten Zeit ihn fragen,
Soll er des Grales Krone tragen
Und sich der Kummer enden: (484, 5)
Die Hilfe will Gott senden.
Das mag Anfortas Heil verleihn;
Doch soll er nicht mehr König sein."

   "Also lasen wir am Gral,
Dass Anfortasens Qual (484, 10)
Damit ein Ende nähme,
Wenn uns die Frage käme.
Wir brachten an die Wunden,
Wovon wir Lindrung oft empfunden,
Nardensalben, Theriak (484, 15)
Und was von ihm empfing den Schmack,
Nebst dem Rauch von lignum Aloe:
Ihm war doch allewege weh.
Damals zog ich hieher;
Ich finde wenig Freude mehr. (484, 20)
Der Ritter ist seitdem gekommen:
Daraus erwuchs uns wenig Frommen;
Schon hab ich dir von ihm gesagt.
Nur Unpreis hat er dort erjagt,
Dass er das bittre Ungemach (484, 25)
Ersah, und zu dem Wirt nicht sprach:
"Herr, wie stehsts um eure Not?"
Da seine Einfalt ihm gebot,
Dass er solche Frage mied,
Wie großes Heil darum ihn flieht!"

   Sie klagten lange sich ihr Leid. (485, 1)
Inzwischen ward er Mittagszeit.
Der Wirt sprach: "Gehn wir Nahrung holen;
Dein Ross ist übelm Stall befohlen:
Ich weiß uns selber nicht zu speisen, (485, 5)
Will uns nicht Gott die Mittel weisen.
Meine Küche rauchet selten:
Des musst du heut entgelten,
Und so lang du willst bei mir verkehren.
Viel Wurzeln zwar dich kennen lehren (485, 10)
Wollt ich, ließ es zu der Schnee;
Gott gebe, dass der bald zergeh.
Nun brechen wir ihm Laub und Gras;
Zu Monsalväsche sicher aß
Dein Ross sich satter oft als hie; (485, 15)
Gleichwohl trefft ihr beide nie
Den Wirt, der's lieber gönnte,
Wenn man's hier haben könnte."

   Sie gingen aus, der Nahrung nach.
Parzival des Futters pflag; (485, 20)
Wurzeln grub der Wirt, der weise:
Das war ihre beste Speise.
Seiner Regel nicht vergaß
Der Wirt: Wie viel er grub, er aß
Kein Würzlein vor der None. (485, 25)
Um der nächsten Stauden Krone
Hing ers und suchte mehre.
Manchen Tag zu Gottes Ehre
War er nüchtern gegangen,
Fand er nirgend Wurzeln hangen.

   Die zwei Gesellen nicht verdross, (486, 1)
Sie gingen wo der Brunnen floss,
Und wuschen Wurzeln rein und Kraut.
Ihr Mund ward selten Lachens laut.
Dann wuschen sie die Hände sich. (486, 5)
An einem Stricke säuberlich
Trug Eibenzweige Parzival
Fürs Ross. So gingen sie zumal
Zu ihrem Sitz heim vor die Kohlen.
Mehr Speise konnte niemand holen: (486, 10)
Da war gesotten noch gebraten;
Ihre Küche war gar unberaten.
Parzvial in seinem Sinne,
Bei der herzlichen Minne,
Die er zu seinem Wirte trug, (486, 15)
Meinte doch, es wär genug
Und so gut, als einst bei Gurnemans,
Und da zu Monsalväsch im Glanz
Schöner Jungfraun Zug vorüberging
Und er die Kost vom Gral empfing. (486, 20)

   Sein getreuer Wirt, der greise,
Sprach zu ihm: "Sieh diese Speise,
Lieber Neffe, nicht verschmähe:
Du triffst den Wirt nicht in der Nähe,
Der dirs so gerne gönnte, (486, 25)
Wenn er dich laben könnte."
"Herr," sprach Parzival dawider,
"Gott seh nie huldreich auf mich nieder,
Wenn je mich besser hat geletzt
Was ein wirt mir vorgesetzt."

   Die Speise die man auftrug hier, (487, 1)
Wuschen sie sich nicht nach ihr,
Das schadet' ihren Augen nicht,
Wie man von fischigen Händen spricht.
Man könnte mit mir beizen (487, 5)
Ohne mich viel zu reizen
(Wenn ich Habicht oder Sperber hieße),
Dass ich auf die Beute stieße,
Hätt ich keinen vollern Kropf;
Der Hunger blähte mir den Schopf. (487, 10)

   Was spott ich der Getreuen hier?
Meine alte Unart riet es mir.
Ihr wisst doch was den Frommen
Den Reichtum hat benommen,
Warum sie waren freudenarm, (487, 15)
Oftmals kalt und selten warm.
Aus gottgetreuem Herzen
Trugen sie die Schmerzen
In erwählter Armut Stand.
Von des Allerhöchsten Hand (487, 20)
Empfingen sie dafür den Sold;
Gott war und ward noch beiden hold.

   Zum Stall ging nach dem kargen Mal
Mit dem guten Manne Parzival,
Der nach dem Ross noch nicht geschaut. (487, 25)
Mit betrübter Stimme Laut
Der Wirt zum Ross sprach: "Mir ist leid
Deines Kummers Bitterkeit
Des Sattels wegen, der dich ziert,
Und der Anfortas Wappen führt."

   Da dem Ross geschehen war sein Recht, (488, 1)
Du hub sich erst der Jammer recht.
Parzival zum Wirt begann:
"Herr und Oheim, hört mich an.
Dürft ichs vor Beschämung sagen, (488, 5)
So wollt ich euch mein Unglück klagen.
Doch eure Güte wird verzeihn:
Zu euch muss meine Zuflucht sein.
Solche Schuld hab ich mir aufgebürdet,
Wenn ihr darum mich hassen würdet, (488, 10)
Müsst ich dem Trost entsagen,
In allen meinen Tagen
Unerlöst von Reue.
Ihr sollt mit Rat der Treue
Beklagen meine Thorheit. (488, 15)
Der auf Monsalväsch zu jener Zeit
Sah des Königs Ungemach
Und doch keine Frage sprach,
Das bin ich unselger Mann!
So hab ich Armer missgetan." (488, 20)

   Der Wirt sprach: "Neffe, was sagst Du?
Wir müssen alle beide zu
Herzlicher Trauer greifen,
Die Freude lassen schweifen,
Da dich Einfalt so ums Heil betrog. (488, 25)
Gab mir Gott fünf Sinne doch:
Die haben übel dich beraten.
Sprich, welchen Beistand sie dir taten
In der entscheidenden Stunde
Dort bei Anfortasens Wunde?

   "Doch will ich Rat dir nicht versagen: (489, 1)
Auch zu tiefes Leid sollst du nicht tragen.
Du sollst in rechten Maßen
Klagen und Klage lassen.
In der Menschheit ist ein wilder Zug! (489, 5)
Oft wird zu früh die Jugend klug;
Will dann das Alter Thorheit üben
Und seien lautre Sitte trüben,
So wird das Weiße schwarz zumal,
Wird die grüne Jugend fahl, (489, 10)
Und weder hier noch dort gedeiht
Rechter Sinn und Würdigkeit.
Könnt ich dich noch ergrünen,
Und das Herz dir so erkühnen,
Dass du den Preis erjagtest, (489, 15)
An Gott nicht mehr verzagtest,
So möcht es dir gelingen
Solche Würde zu erschwingen,
Dass es Ersatz wohl hieße.
Gott selbst dich nicht verließe. (489, 20)

   "Gott will dich durch mich belehren.
Lieber Neffe, lass mich hören,
Sahst du zu Monsalväsch die Lanze?
Wenn sich der Stern Saturn im Glanze
An sein Ziel zurückgefunden, (489, 25)
Das war zu spüren an den Wunden
Und an dem späten Frühlingsschnee.
Dann tat der Frost ihm grimmig weh,
Dem süßen Oheime dein.
Der Speer musst' in die Wund hinein,
Dass eine Not der andern Not (490, 1)
Half: Der Speer ward blutigrot.

   "Einiger Sterne Rückkehrtage
Brachte Monsalväsch in Klage:
Wenn sie ob einander stehn, (490, 5)
Feindselig sich vorübergehn.
Auch bleibt die Wunde nicht verschont
Wenn im Wechsel steht der Mond.
In der jetzt benannten Zeit
Fasst der König grimmes Leid: (490, 10)
Ihm tut der scharfe Frost so weh,
Sein Fleisch wird kälter als der Schnee.
Da man ein Gift nun, glühendheiß,
An der Sperspitze weiß,
So wirds den Wunden aufgelegt: (490, 15)
Der Frost gleich aus der Wunde schlägt
Und legt wie Glas sich um den Speer;
Das alsdann nur niemand mehr
Von dem Eisen lösen kann.
Tebüchet wars, der weise Mann, (490, 20)
Der zwei Messer schuf mit Silberklingen:
Mit denen lässt es sich vollbringen.
Die Kunst hatt ihn ein Spruch gelehrt
An unsres Königes Schwert.
Man hört wohl sagen vom Asbest (490, 25)
Dass er sich nicht verbrennen lässt;
Doch fiel von jenem Glas darauf,
Gleich schlug helle Flammen auf
Und der Asbest verbrannte gar:
Wie ist dies Gift so wunderbar!

   "Er kann nicht reiten, kann nicht gehn, (491, 1)
Der König, liegen nicht noch stehn,
Nicht sitzen: Er muss lehnen
Mit Seufzern, unter Tränen.
Beim Mondeswechsel wird ihm weh. (491, 5)
Brumbane heißt ein naher See:
Da tragen sie ihn hin: Beim Fischen
Soll ihn da milde Luft erfrischen.
Das nennt er seinen Waidetag;
Doch was er dort erbeuten mag (491, 10)
Bei so schmerzlicher Beschwer,
Er bedarf zu Hause mehr.
Davon erscholl die Märe,
Dass er ein Fischer wäre.
Das Märchen lässt er walten. (491, 15)
Er hat doch feilgehalten
Nie Salmen noch Lampreten;
Könnt er vor Schmerz sich retten!"

   Da unterbrach ihn Parzival:
"Ich fand den König auch einmal (491, 20)
Ankern auf den Wellen,
Den Fischen nachzustellen
Oder zur Kurzweile.
Ich ritt manche Meile
Den Tag auf waldgen Straßen. (491, 25)
Pelrapär hatt ich verlassen
Erst um den mitten Morgen.
Am Abend trug ich Sorgen
Wo meine Herberg möchte sein:
Da bot sie mir mein Oheim."

   "Nicht gefahrlos war die Fahrt," (492, 1)
Sprach der Wirt, "denn wohlverwahrt
Von den Templeisen wird der Wald.
Weder List noch Gewalt
Mag da den Reisenden frommen. (492, 5)
Mit Schrecken hat das oft vernommen
Wer da den Tod empfing im Streit:
Sie nehmen niemals Sicherheit,
sie setzen Leben gegen Leben.
Zur buß ists ihnen aufgegeben." (492, 10)

   "Dennoch kam ich ohne Streit
Durch den Wald zu jener Zeit;
Wo ich am See," sprach Parzival,
"Den König fand. Dessen Saal
Sah ich am Abend Jammers voll. (492, 15)
O wie laut der Wehruf scholl!
Ein Knapp herein zur Türe sprang:
Von Jammer gleich der Saal erklang.
Der trug in seinen Händen
Einen Schaft zu den vier Wänden; (492, 20)
Der Speer daran war blutigrot:
Das schuf dem Volke Jammers Not."

   Der Wirt sprach: "Heftiger als je
War dazumal des Königs Weh,
Denn so kündigte sein Nahn (492, 25)
Uns der Stern Saturnus an.
Der pflegt mit großem Frost zu kommen.
Drauf legen mochte da nicht frommen,
Wovon wir Lindrung sonst empfunden:
Man stach den Speer ihm in die Wunden.
Sturnus steigt so hoch empor; (493, 1)
Die Wund empfand den Frost zuvor:
Die Kälte kam erst hinterdrein.
Es eilte sich nicht so zu schnein,
Die andre Nacht erst fing es an, (493, 5)
Obgleich mit ihr der Lenz begann.
Groß Leid das Volk beschwerte,
Da man so dem Frost des Königs wehrte."

   Da sprach der fromme Trevrezent:
"Ihres Jammers war kein End, (493, 10)
Als den Speer die Wunde heischte,
Der ihr eigen Herz zerfleischte;
Ihrer Klage Jammerton
Glich einer neuen Passion."

   Zum Wirte sprach da Parzival: (493, 15)
"Fünfundzwanzig an der Zahl
Sah ich Maide vor dem König stehn,
Mit großer Zucht den Dienst begehn."
Der Wirt sprach: "Mägdlein sollen pflegen
(Das Recht verlieh ihm Gottes Segen) (493, 20)
Des Grals, ihm dienen für und für.
Der Gral ist streng in seiner Kür;
Sein sollen Ritter hüten
Mit entsagenden Gemüten.
Wenn dann die hohen Sterne kehren, (493, 25)
Muss Jammer all dies Volk beschweren,
Die Jungen wie die Alten.
Gott ließ den Ingrimm walten
Allzu lange wider sie:
Wird ihnen Trost und Freude nie?

   "Neffe, nun bericht ich dir, (494, 1)
Ich weiß, du zweifelst nicht an mir,
Von der Templeisen Leben.
Sie empfangen und sie geben.
Sie nehmen junge Kinder an (494, 5)
Von hoher Art und wohlgetan,
Auserwählt von Gottes Hand.
Wird dann herrenlos ein Land,
Das eines Königs begehrt
Aus der Schar des Grals, das wird gewährt. (494, 10)
Wohl wird des Volks ein solcher pflegen,
Denn ihn begleitet Gottes Segen.

   "Gott schafft die Männer heimlich fort;
Die Jungfraun gibt man offen dort.
Darum war kein Hindernis, (494, 15)
Als der König Kastis
Herzeleidens hat begehrt:
Mit Freuden ward sie ihm gewährt.
Deine Mutter ward ihm angetraut;
Doch nicht genoss er seiner Braut: (494, 20)
Es kam der Tod und grub sein Grab.
Zuvor er deiner Mutter gab
Waleis und Norgals
Mit Kanvoleis und Kingrivals:
Das ward ihr öffentlich gegeben. (494, 25)
Der König sollt unlange leben:
Zu seiner Heimat fuhr er wieder;
Da legt' er sich zum Sterbennieder.
Die Köngin und ihr Doppelland
Erwarb da Gahmuretens Hand.

   "Der Gral gibt Jungfraun unverstohlen, (495, 1)
Die Männer gibt er hin verhohlen.
Ihre Frucht dereinst nimmt er zurück,
Blüht ihren Kindern auch das Glück
Des Grales Schar zu mehren: (495, 5)
Das wird die Schrift dann lehren.

   "Frauenminne muss verschwören
Wer zur Schar des Grales will gehören.
Nur dem König allein
Gebührt ein Weib, an Tugend rein, (495, 10)
Und jenen, welche Gott gesandt
Zu Herren herrenlosem Land.
Die Vorschrift ließ ich unbeachtet,
Da das Herz nach Minne mir getrachtet.
Mir riet die blühnde Jugend (495, 15)
Und werten Weibes Tugend,
Dass ich in ihrem Dienste ritt
Und oft in blutgem Kampfe stritt.
Mich däuchten so geheuer
Die wilden Abenteuer, (495, 20)
Dass ich nicht mehr turnierte.
Ihre Minne führte
Mir ins Herz der Freude Schein:
Da wollt ich ernsten Kampf nicht scheun.
Zu ferner wilder Ritterschaft (495, 25)
Zwang mich ihrer Minne Kraft,
Dass ich ihre Gunst erkaufte.
Der Heid und der Getaufte
Galten mir im Streite gleich:
Ich dachte, sie wär lohnesreich.

   "Ich trug um sie Beschwerde (496, 1)
In drei Teilen der Erde,
In Europa und in Asia,
Und im fernen Afrika.
Wollt ich schöne Tjoste reiten, (496, 5)
So musst' ich vor Gaurivon streiten;
Auch hab ich manche Tjost getan
Vor dem Berge Feimorgan.
Manch schöne Tjost ward mir verliehn
Vor dem Berg Agremontin. (496, 10)
Wer der Innern Trotz will dämpfen,
Der muss mit feurgen Männern kämpfen;
Die äußern Völker brennen nicht
Wie mancher dort den Speer auch bricht.
Als am Rohas ich im Steierland (496, 15)
Abenteuer sucht' und fand,
Da kamen tapfre windsche Männer
Entgegen mir als Lanzenrenner.

   "Ich fuhr von Sevilla
Auf dem Meere gen Sizilia, (496, 20)
Durch Friaul bis gen Aglei.  (Anmerkung 496, 21)
Weh, o weh und heia hei!
Dass ich jemals deinen Vater sah
Denn ich fand und sah ihn da.
Zu Sevilla zog ich ein (496, 25)
Als der werte Anschewein
Eben Herberg genommen.
Seine Fahrt macht mir das Herz beklommen,
Die er tat gen Baldag,
Wo er in einer Tjost erlag,
Wie ich dich selber hörte sagen. (497, 1)
Ewig muss ich ihn beklagen.

   "Mein Bruder ist ein reicher Mann.
Er sah die Kosten nicht an,
Wenn er mich heimlich von sich sandte. (497, 5)
Wenn ich von Monsalväsch mich wandte,
Sein Insiegel nahm ich da
Und führt' es gegen Karkobra:
Da fällt ins Meer der Plimizöl,
In dem Bistum Barbigöl. (497, 10)
Auf seinen Siegering beriet
Mich da der Burggraf, eh ich schied,
Mit Gefolg, und was ich nötig fand
Zu einem Zug ins Heidenland,
Oder anderm Abenteuer; (497, 15)
Da war ihm nichts zu teuer.
Ich kam allein gen Karkobra;
Bei der Heimkehr ließ ich wieder da
Das Gesind und alle andern Stücke
Und ritt gen Monsalväsch zurücke. (497, 20)

   "Nun höre, lieber Neffe mein:
Da der werte Vater dein
Zuerst mich in Sevilla sah,
Ansprach er mich als Bruder da
Seines Weibes Herzeleid, (497, 25)
Und hatte doch zu keiner Zeit
Mein Angesicht zuvor gesehn.
Auch war ich, musste man gestehn,
Schön wie kein Mann gesehn noch ward:
Noch hatt ich damals keinen Bart.
Als er in meiner Herberg fuhr, (498, 1)
Da verneint' ich es und schwur
Manchen ungestabten Eid.
Er hielt sich drauf mit Sicherheit;
Zuletzt gestand ichs insgeheim. (498, 5)
Mit großen Freuden fuhr er heim.

   "Sein Kleinod verehrt' er mir;
Was ich gab, nahm er mit Begier.
Du sahest meine Kapsel hie;
Grüner als der Klee ist sie: (498, 10)
Ich ließ sie aus dem Steine
Bilden, den mir gab der Reine.
Zum Knappen ließ er mir Itheren:
Das Herz gab seinem Neffen Lehren,
Dass aller Falsch an ihm verschwand (498, 15)
Dem König von Kukumerland.
Wir durften Fahrt nicht länger meiden
Und mussten voneinander scheiden.
Da zog er in des Baruchs Land;
Zum Rohas fuhr ich selbst zuhand. (498, 20)

   Von Cilli kam ich hingeritten.
Drei Wochen hatt ich dort gestritten,
Da schien es mir genug getan.
Zunächst von Rohas ritt ich dann
In die weite Stadt Gandein: (498, 25)
Sie ists, nach der der Ahnherr dein
Einst Gandein ward genannt.
Da machte sich Ither bekannt.
Diese Stadt liegt dort genau,
Wo die Greian in die Drau,
Ein goldreich Wasser, rinnet. (499, 1)
Da ward Ither geminnet,
Als er deine Muhme fand.
Sie beherrschte dieses Land;
Ihr Vater, Gandein von Anschau, (499, 5)
Gab sie diesem Land zur Frau.
Lammire wurde sie genannt;
Aber Steier heißt das Land.
Durchstreifen muss der Lande viel
Was Schildesamt verwalten will. (499, 10)

   "Nun dauert mich mein Knappe rot,
Um den sie mir viel Ehre bot.
Ither ward dir nah verwandt;
Vergaß der Sippe deine Hand,
Gott hat ihrer nicht vergessen; (499, 15)
Er kann sie wohl nach Gliedern messen.
Willst du mit Gott in Frieden leben,
Sollst du dafür ihm Buße geben.
Ich muss dir jammernd künden:
Du trägst zwei Todsünden. (499, 20)
Ither hast du erschlagen;
Auch deine Mutter sollst du klagen,
Der ihre große Treue riet,
Dass sie aus diesem Leben schied,
Da du von ihr geschieden. (499, 25)
Nun folgt mir, hienieden
Büße deine Missetat,
Dass wenn einst dein Ende naht,
Irdsche Drangsal dir erwirbt,
Dass dort die Seele nicht verdirbt."

   Weiter ohne Zornes Hast (500, 1)
Frug der Wirt seinen Gast:
"Noch hab ich, Neffe, nicht vernommen:
Wie bist du an dies Ross gekommen?"
"Herr, dies Ross hab ich erstritten; (500, 5)
Da ich von Sigunen kam geritten,
Die ich vor ihrer Klause sprach.
Einen Ritter flüglings stach
Ich dann herab und zogs hindann;
Von Monsalväsche war der Mann." (500, 10)
Der Wirt sprach: "Blieb er denn am Leben,
Dem es Anfortas hat gegeben?"
"Herr, ich sah ihn heil entgehn
Und fand dies Ross mir nahe stehn."
"Des Grales Volk berauben (500, 15)
Und dabei doch glauben
Seine Freundschaft zu gewinnen,
Das ist töricht Beginnen."
"Herr, ich nahms in offnem Streit.
Wer deshalb mich der Sünde zeiht, (500, 20)
Der prüf erst näher, wie es kam:
Er erschlug das meine, dem ichs nahm."

   Wieder sprach da Parzival:
"Wer war die Jungfrau, die den Gral
Trug? Den Mantel lieh sie mir." (500, 25)
Der Wirt sprach: "Neffe, war er ihr
(Sie ist auch deine Muhme),
Sie lieh ihm nicht zu eitelm Ruhme:
Du solltest dort Gebieter sein
Des Grals und ihr, nicht minder mein.
Dein Oheim gab dir auch ein Schwert, (501, 1)
Das dir mit Sünden nun gehört,
Da leider keine Frage kund
Tat dein wohlberedter Mund.
Lass die Sünde bei den andern stehn; (501, 5)
Zeit ists, dass wir zu Ruhe gehn."
Nicht Bett noch Kissen ward gebracht:
Sie lagen auf dem Stein zu Nacht;
Ihrem herrlichen Geschlecht
War solch ein Lager nicht gerecht. (501, 10)

   So blieb er bei ihm vierzehn Tage.
Sein pflag der Wirt wie ich euch sage:
Kraut und Wurzeln allein
Mussten ihre Speise sein.
Der Held trug die Beschwerde, (501, 15)
Dass sein süßer Trost ihm werde,
Da ihn der Wirt von Sünde schied,
Mit gutem Rat ihn wohl beriet.

   "Wer wars," so frug einst Parzival,
"Der in der Kammer lag beim Gral, (501, 20)
Grau von Haar, von Antlitz hell?"
Der Wirt sprach: "Das war Titurel.
Der ist deiner Mutter Ahne:
Zuerst ward des Grales Fahne
Zum Schutz befohlen seiner Hand. (501, 25)
Ein Siechtum, Podagra genannt,
Hält ihn gelähmt ans Bett gebunden.
Seien Farb ist nimmer doch geschwunden.
Den Gral erblickt sein Angesicht;
Drum mag er auch ersterben nicht.
Der Greis gibt ihnen guten Rat. (502, 1)
In seiner Jugend manchen Pfad
Ritt er zu tiostieren.
Willst du dein Leben zieren
Und immer würdiglich gebahren, (502, 5)
Die Fraun zu hassen musst du sparen
Fraun und Pfaffen, wie bekannt,
Unbewehrt ist beider Hand;
Doch schirmt die Pfaffen Gottes Segen.
Dein Dienst soll ihrer treulich pflegen, (502, 10)
So wird dereinst dein Ende gut.
Der Pfaffheit zeige holden Mut:
Was auf Erden sieht dein Angesicht,
Das vergleicht sich doch dem Priester nicht.
Sein Mund verkündet uns das Wort, (502, 15)
Das unser Heil ist, unser Hort;
Auch greift er mit geweihter Hand
An das allerhöchste Pfand,
Das je für Schuld verliehn ward.
Ein Priester, der sich so bewahrt, (502, 20)
Der er sich ganz ihm hat ergeben,
Wer könnte heiliger leben?"

   Das war der beiden Scheidetag.
Ihn küsste Trevrezent und sprach:
"Deine Sünden lass mir hier: (502, 25)
Gottes Huld erfleh ich dir.
Leiste, was ich dir gesagt:
Halte fest dran unverzagt!"
Voneinander scheiden sie:
Ihr mögt euch selber denken wie.

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496, 21. Aglei ist Aquileja. „Die meisten andern hier genannten Örtlichkeiten wissen wir nicht nachzuweisen; Friaul, Steier und die Drau sind bekannt, aber weder der Rohas noch die Greian. Einige sind auch fabelhaft, wie die Berge zu Agremontin und Famorgan. Mit einem feurigen Ritter (496, 12) hat auch Feirefiß gekämpft (812, 20).“ So schrieb ich zur ersten Auflage. Seitdem hat M. Haupt (Berichte 1846, S. 133, 1853 26. Febr.) den Rohas als den Rohtischer Berg im steirischen Saangau, die weiterhin erwähnte Greian, die in die Drau fällt, als den Grajenabach, der bei Pettau mündet, nachgewiesen; selbst die weite Stadt Gandein (die wîten Gandîne 498, 25) in der Drauebene bei Pettau. Der Dichter selber erinnert bei ihrem Namen an Gahmurets Vater Gandin. Die Beziehungen zwischen Steiermark und dem Königsgeschlecht von Anjou werden dadurch bedeutungsvoller, dass Gandin nach 101, 6 den schwarzen Panther im Wappen führte, während ein weißer im grünen Felde das steirische Wappen bildete. Vgl. S. 772. 3. Das Natürlichste schiene nun, dass unser Dichter und nicht schon sein vorgeblicher Gewährsmann Kiot diese Anklänge in das Gedicht gebracht hätte. Diese Vermutung erklärt aber M. Haupt für ganz unerlaubt. "Dies widerspräche der Treue, mit der er (Wolfram) sonst sichtlich dem folgt, was ihm Guiots Gedicht überliefert hatte, und wo er in Anspielungen, die nicht in die Fabel eingreifen, deutscher Gegenden erwähnt, da reicht seine Ortskenntnis niemals räumlich so weit. (Vgl. § 6 am Schluss.) Wir werden also was von der Steiermark gesagt ist, zu den andern Rätseln des Parzival stellen müssen, zu den deutschen Namen Fridebrant, Isenhart, Herlint, Hernant, Schiltung, Heuteger und zu dem norwegischen Groenlandsfylki. Es ist ein wohlfeiler aber haltloser Einfall, dass von allem diesem in Guiots Gedicht nicht so gestanden, dass Wolfram das alles hinzugetan habe." Sollen alle jene deutschen Namen in dem französischen Gedichte gestanden haben? Wie würden sie französisch gelautet haben? Wären nicht Schiltung und Heuteger, vielleicht auch Friedebrand bis zur Unerkennbarkeit entstellt worden? Und sollten wir dem Dichter so viel Einsicht in die Lautverhältnisse zutrauen, dass er die entsprechenden deutschen Formen herausfand? Kiot hätte diese verbundenen deutschen Namen nur aus deutscher Quelle schöpfen können: die näher liegende Ansicht, dass sie aus dieser unmittelbar in Wolframs Gedicht gelangen, wird durch ihre Wohlfeilheit niemand verleidet, so lange die entgegen gesetzte noch kein Halt stütz. Desto dankenswerter sind die Aufschlüsse über die steiermärkischen Örtlichkeiten; sie liegen aber von unseres Dichters Heimat nicht zu weit ab. Der Namen der Stadt Gandin und das steiermärkische Wappen konnten ihm bekannt sein, wenn er auch nie dieses Land betreten hatte. Der romanisch klingende Name Gandin mochte ihm gelegen kommen, wenn er zu den alliterierenden Gahmuret und Galoes den dritten suchte. Vgl. S. 771-73. Oder will man zu den andern Rätseln im Parzival auch das noch stellen, wie der Provenzale Kiot dazu kommen sollte, Gesetze zu beobachten, die nur in Deutschland bei der Namengebung walteten? In unserm Gedichte ist ihre Anwendung zu häufig, als dass an Zufall zu denken wäre. Ich erinnere nur an Kingraun und Klamide, Kiot von Katelangen, Kanvoleis und Kingrivals, Klauditte von Kanedig, an Iblis und Ibert, an Thasme und Thabronit 739, 24. 25, an Patrigalt und Portugal, Poitewin und Prienlaskros, Garscheloie von Grünland, Galograndres und Gippones (205, 9. 10) usw. Vielleicht gehören selbst Orgeluse und Anfortas, Eisenhart von Assagog, Kailet und Killirjakak, Meljanz und Meljkanz hieher. Am Stärksten tritt die Absichtlichkeit bei Gurnemans de Graharz hervor. diesen Namen selber hat zwar Wolfram nicht erfunden: Er fand ihn schon in Hartmanns Erek 1631 und mit andern Namen, die er benutzt zu haben scheint, in Chrestiens gleichnamigen Gedicht; aber er hat den Anlaut durch Gurnemans ganzes Geschlecht bis ins dritte Glied festgehalten. Gurnemans Sohn ist Gurzgri, der junge Delfin von Graswaldane, Schionatulander, so wie sein Oheim Schenteflur mit anlautendem G zu lesen, und wirklich finden wir im Erek 1690 Ganatulander geschrieben, obgleich die Identität der Person hier so wenig feststeht als bei Gandelus, den gleichfalls schon Hartmann und Chrestien im Erek nennen. Ob Titurel, Ither von Gahevieß, Galagaundris und Galoes, Marlivliot (Manfilot) von Katelange u. A., die sich bei Chrestien so wenig wieder finden als Ganatulander, mit diesen erst aus Wolframs Gedicht in die späte Handschrift von Hartmanns Erek geraten sind, oder dem deutschen Dichter eine andere Rezension des französischen Gedichts vorlag, steht dahin. Jedenfalls ergibt sich, dass Wolfram diese Namen nicht von Kiot zu borgen brauchte. In Gurzgris Namen ist wie in Galogandres, in Dianasdrun, in Grigors (: Guverjorz 210, 7.9) der Anlaut redupliziert, was an Titurel und Zazamank erinnert. ^

 
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